Schweigen, leugnen und vertuschen

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Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
Der Holocaust-Gedenktag in Kleve fand in diesem Jahr im KAG statt. Peter Finkelgruen erinnerte an den späten Rechtsstaat

Kleve..  Das Mädchen hat es sich bequem gemacht im Säulenwald des Berliner Holocaust-Denkmals und lacht in die Kamera. Eines von mehreren Bildern, die der Leistungskurs Geschichte der Q2 des Konrad-Adenauer-Gymnasiums (KAG) aus den so genannten sozialen Netzwerken gefischt hatte. Die Frage der Schüler: Wie kann man an den Holocaust gedenken, wenn man keine enge emotionale Bindung dazu hat? Schließlich nimmt der zeitliche Abstand immer mehr zu, die letzten Zeitzeugen sterben, und auch an geeigneter Aufklärung fehle es oft.

Keine leere Routine

So das Fazit des Kurses, vorgetragen beim Gedenktag zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor nunmehr 70 Jahren. „Der Tag soll keine leere Routine werden“, betonte Heinz Bernd Westerhoff, stellvertretender Schulleiter am KAG. Erinnerung könne aber nicht verordnet werden. Eine Möglichkeit, vielleicht die beste überhaupt, um einen emotionalen Zugang zu finden, präsentierte eine ehemalige 9. Klasse des KAG. Sie hatte sich im letzten Schuljahr ausführlich mit Karl Leisner beschäftigt, der hier aufgewachsen ist und dessen Leben und Denken nicht zuletzt durch seine kürzlich erschienenen Tagebücher gut dokumentiert sind.

Am eindrücklichsten sind Gedenkveranstaltungen dann aber doch, wenn jemand spricht, der in irgendeiner Weise persönlich betroffen ist. Das KAG hatte den langjährigen Journalisten Peter Finkelgruen eingeladen. Er wurde in Shanghai geboren, wohin seine Eltern 1939 aus Deutschland geflohen waren. Sein Vater starb im Exil, seine Mutter kurz nach dem Krieg an den Folgen der Strapazen. Finkelgruen wuchs bei seiner Großmutter auf, die Auschwitz überlebt hatte. „Die größten Sprachschwierigkeiten gibt es zwischen einer und der nächsten Generation“, sagte er. Ihm, dem Enkel, erzählte die Großmutter hingegen alles, was sie erlebt hatte. Und das in einer Zeit, als nicht nur in Deutschland alle schwiegen, leugneten und vertuschten, sondern als auch in Israel kaum über den Holocaust gesprochen wurde.

Kommunikation statt Ritual

Inzwischen rückt hierzulande zunehmend die Zeit nach dem Krieg in den Mittelpunkt, „die Jahre, in denen es sich die Täter in Deutschland gemütlich machten und den Schutz der Behörden genossen“, so Finkelgruen. Elf Jahre benötigte er, um im Jahre 2001 endlich den Mörder seines Großvaters vor Gericht zu sehen. Spannend zu sehen, wie intensiv Schüler, Lehrer und Besucher die Gelegenheit nutzten, Finkelgruen zu befragen. Auch ein probates Mittel zur Annäherung an die Vergangenheit: Kommunikation statt Ritual.

Musikalisch eingefasst wurde der Gedenktag vom Chor der Sekundarstufe II und der Big Band des KAG.