Säugling zu Tode geschüttelt - zehn Jahre Haft für Vater

Der Angeklagte R. wird in den Gerichtssaal geführt. Er soll seinen Sohn zu Tode geschüttelt haben.
Der Angeklagte R. wird in den Gerichtssaal geführt. Er soll seinen Sohn zu Tode geschüttelt haben.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Für mehrfache schwere Misshandlungen seiner vier Kinder, bei denen ein Säugling starb, hat das Landgericht Kleve einen Vater zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Kleve.. Richter Ulrich Knickrehm sah den verurteilten Vater während der Urteilsbegründung kaum an. Seine Augen wanderten zumeist in den Gerichtssaal. Fassungslosigkeit schwang mit: Wie kann sich ein Vater mit so roher Gewalt an diesen "schutzlosen, wehrlosen Geschöpfen" vergreifen: An den Frühchen Nick und Nils, keine drei Monate alt, am Schwesterchen Samantha und ihrem Stiefbruder Leon, mit drei Jahren der Älteste. Der Richter schilderte einen Alptraum einer Familie mit Gefühlskälte und immer wieder Gewalt.

Erst mit dem Tod des kleinen Nils kam das Ausmaß der Gewalt gegen die vier kleinen Geschwisterkinder ans Licht. Das Gericht machte sich nichts vor: In dem Prozess sei nur die Spitze eines ganzen Bergs von Misshandlungen sichtbar geworden, sagte Knickrehm. Die Richter verurteilten den Vater am Donnerstag zu zehn Jahren Haft wegen Körperverletzung mit Todesfolge und Missbrauchs von Schutzbefohlenen. Revision ist zugelassen.

Schon vor dem Tod des kleinen Nils hatte es Anzeichen von Gewalt gegeben: Bei Besuchen waren dem leiblichen Vater von Leon die blauen Flecken aufgefallen. Mit Händen und Füßen hatte er sich gewehrt, wenn er zurück zur Mutter in die neue Familie musste. Auch die Kinderärztin habe Verdacht gehegt, sagte der Richter.

"Überforderung entlud sich in roher Gewalt"

Als die Zwillinge im April 2014 zur Welt kamen, wurde das Jugendamt aktiv: Damit das Paar mit den Frühchen nicht überfordert war, stellte das Amt nach Angaben des Richters eine Familienhilfe zur Verfügung, plus Tagesmutter und Kinderkrankenschwester für die Zwillinge.

Prozess Der verurteilte Vater war arbeitslos. "Immer wenn er mit den Kindern alleine war, entlud sich die Überforderung in roher Gewalt", sagte Richter Knickrehm. So 2013, als er der kleinen Samantha beim Wickeln ein Bein brach. Das Mädchen war wund und weinte. "Es ist erheblich rohe Gewalt nötig, um einen so weichen Knochen zum Brechen zu bringen", gab der Richter die Einschätzung des Rechtsmediziners wieder.

Das sollte kein Einzelfall bleiben: Einmal schlug er "derart auf die Tochter ein, dass das Gesicht des kleinen Mädchens grün und blau war", wie Knickrehm sagte. Als Stiefbruder Leon mit einem blutunterlaufenem Auge und einem schweren Hämatom im Gesicht bei der Tagesmutter erschien, wollte sie nicht mehr glauben, dass der Junge auf Bauklötzen geschlafen habe, wie die Eltern behaupteten. Die Tagesmutter machte Fotos - zur Dokumentation, wie sie sagte.

Vater schüttelte seinen Sohn "grob und heftig"

Am 11. Juli 2014 wurden die Zwillinge Opfer eines Gewaltausbruchs, warum auch immer. Die Richter konnten nur vermuten: Vielleicht hatten die Kinder einfach nur Hunger und weinten. Der Vater habe erst Nick genommen und ihn durch Schütteln oder "durch einen Aufprall" eine Verletzung zugefügt, die zu einer Einblutung ins Gehirn geführt habe. Der Junge überlebte, aber vielleicht hat er Folgeschäden.

Danach habe der Vater Nils genommen, "schüttelte ihn grob und heftig", sagte Knickrehm. Als der Junge blau anlief und in einen Schockzustand geriet, rief der Vater den Notarzt. Der Junge starb.

Dem Vater sei bewusst gewesen, dass er seine Wut nicht im Zaum hatte, sagte der Richter. Aber er habe nichts unternommen, seine Kinder davor zu schützen. Ihm fehle das emotionale Rüstzeug, Kinder aufzuziehen. (dpa)