Pommes im Kunstrausch

Kartoffelkunst
Kartoffelkunst
Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
76 Arbeiten zum Thema „Das Leben ist eine Kartoffel“ bewarben sich um den Kunstpreis 2015 Projektraum Bahnhof 25: Goldene Kartoffel und Einzelausstellung

Kleve..  Sieglinde mit dem Kinde, so heißt das Bild. Sieglinde trägt einen Perlohrring, das Kind auf ihrem Arm ist blond. Die Gesichter sind aus der Leinwand herausgeschnitten. Kartoffeln stecken darin. Sich verformende, allmählich verfaulende Kartoffeln. 76 Arbeiten zum Thema „Das Leben ist eine Kartoffel“ sind im Projektraum Bahnhof25 eingegangen, 76 Bewerbungen um den Kunstpreis 2015.

Kartoffeln, so lernen wir, spielen auch in Indien, Israel und Dänemark eine Rolle. Sogar von dort kamen Einsendungen, alle rund einen halben Quadratmeter groß. So hängen, stehen und liegen nun alle Arbeiten im Projektraum, bunt, witzig, verschroben, düster und abstrus. Das Leben ist ein Rülpser, der nach Knoblauch stinkt – ein kurzes Stechen in der Nase, dann verweht er im Wind. Das ist die ultimative Weisheit, die der wunderbare Film „Das Leben nach dem Tod in Denver“ verkündet.

Wenn man durch die Kartoffel-Ausstellung geht, kommt einem die Idee, ob das Leben nicht auch ein endloser Gestank nach Pommes sein könnte oder ein Fußtritt in einen Teppich aus Kartoffelstärke. Die Verästelungen der Künstlerfantasien sind jedenfalls staunenswert.

Die Jury, bestehend aus Susanne Figner vom Museum Kurhaus, dem niederländischen Arnheimer Ausstellungs-Kurator Peter Nijenhuis und dem Agrarwissenschaftler Prof. Jens Gebauer, Leiter des Klimahauses der Hochschule Rhein-Waal, hat in mühsamer fünfstündiger Arbeit zwei erste Preise und jeweils einen zweiten und dritten erkoren.

„Wir finden gerade die unterschiedlichen Techniken so spannend“, sagt Elisabeth Schink vom Projektraum. Da laufen Videos kartoffelschälender Hände, in der Ecke werden Pommes Frites in kleinen Bettchen mit Infusionen aufgepäppelt. Offene Gehirne und geschlossene Kartoffeln korrespondieren bildlich miteinander, Collagen zeigen Kartoffelpüreepackungen im Lichterglanz. Auf Fotos kriechen lange Kartoffelketten über wuchtige Bäume. Die Ausstellung ist aufs Ganze gesehen überaus unterhaltsam, und bisweilen erobert die sonst so erdschwere Kartoffel gar die luftigen Höhen des Humors.

Die Juroren Peter Nijenhuis und Prof. Jens Gebauer gaben am Samstag die zwei Preisträgerinnen bekannt. Die beiden Räume am Bahnhof Kleve waren proppevoll, Gäste standen bis auf die Straße und schauten von draußen rein. Mit ihrem Video vom bauchigen, roten Holzkreisel auf weiß lackierten Bodendielen siegte Christa Hahn aus Mönchengladbach im Rahmen des niederrhein-weiten Projektes „In der Ebene“ zusammen mit dem aus Kartoffelkeimen gewebten Teppich. Der Prozess des Keimens und Wachsens in der Natur reize sie daran.

Der zweite Preis ging an Reinhold Engberding, der als Bildhauer häkelt oder weggeworfene Kleidung in Dallas/USA sammelte, wusch und dann – mit Knollen – zum Objekt machte. Der dritte Preis ging an die Kartoffel-Gesichter von Dietmar Wehr. „Gemeinsam alt werden“ und schrumpeln.

„Ohne Kartoffeln wären Marx und Engels verhungert“, konstatierte Peter Nijenhuis. Die Knolle sei kulturell mit unserem Alltag verbunden. Elisabeth Schink und Ulrike Scholder vom Projektraum überreichten an die beiden Künstlerinnen die goldene Kartoffel auf Holz und auf Filz. Beide Preisträgerinnen bekommen zudem eine finanziell unterstützte Ausstellung im Projektraum25. Den erstmals verliehenen Preis gab es obendrein mit einer Prise Humor. Einen Sack Kartoffeln für den dritten Platz, Teekanne und Flasche Wodka (aus Kartoffeln gemacht) für Sieger.