Nicht zugucken, sondern machen

Stein für Stein bauen Marvin, Jonas und Lennart an ihrer Entscheidung für die Berufsfindung.
Stein für Stein bauen Marvin, Jonas und Lennart an ihrer Entscheidung für die Berufsfindung.
Foto: Astrid Hoyer-Holderberg
Was wir bereits wissen
Schüler der Gesamtschule Mittelkreis Goch erkunden zwei Wochen lang jeweils drei Berufe. SOS-Kinderdorf ist professioneller Partner. Die Jugendlichen zeigen in der Praxis andere Fähigkeiten als im Unterricht

Kleve / Goch..  Raus aus der Schultheorie, rein in die Praxis. Berufswahlorientierung gibt Jugendlichen schon in den 8. Klassen einen Motivationsschub. Ein Ziel, auf das sie hin arbeiten können. Das ihnen den Ansporn gibt, vielleicht doch noch etwas mehr zu lernen, um den nächst besseren Abschluss zu schaffen, weil der die Voraussetzung im erträumen Beruf wäre. „Ein Jahr mehr Zeit, das ist eine feine Sache. Das wurde bei den Praktika in der 9. Klasse bisher eng,“ vergleicht Lehrer Christian Koczy. „Die 8. Klasse ist der richtige Zeitpunkt,“ erkennt auch Erik Spicker, Koordinator des Berufsorientierungsprogramms beim SOS-Kinderdorf.

Nur Positives erleben die Lehrer der Gesamtschule Mittelkreis Goch derzeit in Kleve. Aus 16 möglichen Berufen wählen die fast 150 Jugendlichen aller 8. Klassen der Gesamtschule bei SOS am Klapheckenhof jeweils drei zum Ausprobieren: Da werden Wege gepflastert, Strandkörbe gebaut, gesägt, gekocht, frisiert, Computer auseinander und zusammen gebaut, eine Tischuhr aus Metall gefertigt, Blumen gesät, in der Gastronomie bedient, in der Verwaltung und im Altenheim geholfen. „Nicht Besen nehmen und bloß zugucken. Machen!“, beschreibt Erik Spicker. Sechs, sieben Stunden durchhalten, sich mehrere Tage lang physisch anstrengen und Berufsfelder erkunden.

Ausbildungszentrum

SOS ist seit Jahren Profi als Ausbildungszentrum. Und flexibel. Als sich bei den Gesamtschülern der ernsthafte Berufswunsch „Schauspielerin“ mehrte, wurde spontan eine Gruppe, geführt von Theaterpädagogen, zusätzlich ins Angebot genommen. „Ich habe sehr viel gelernt, allein schon, dass es einem nicht peinlich ist, vor anderen zu stehen“, tankte Laura Lebenserfahrung.

Stephanie Peters, Anleiterin im Bereich Service, zeigt derweil einer Schülergruppe, was eine „Schlepp-Hand und eine Arbeitshand“ beim Balancieren von Tellern sind. Ins Schwitzen kommen Jonas, Lennart und Marvin beim exakten Pflasterstein-Verlegen. „Ich hab’ nicht gedacht, dass das so gut klappt“, freut sich Jonas, bei dem im Computerspiel immer eine Maschine solche Aufgaben übernahm. In der Maler-Klasse findet Isabella das Pinseln „doof“. Sie wartet aber auf den nächsten Praxis-Abschnitt im Bereich Gesundheit: Mitarbeit im Altenheim, gegenseitiges Füttern. Sie will später Medizin studieren. Daniel hat in der Verwaltung Erfahrung gesammelt: einen Vortrag am PC vorbereiten, ein Logo gestalten.

Drei Tage „Potenzialanalyse“ für eine systematische Berufs- und Studienorientierung haben die Gesamtschüler (sie stammen aus mehreren Kreis-Kommunen) Wochen vorher durchlaufen, um ihre Stärken zu finden. Sie genossen, dass nicht auf Schwächen geachtet, „sondern nur über ihre positiven Seiten gesprochen wird“, weiß Spicker. Die Ergebnisse wurden Kindern und Eltern mitgeteilt und sie konnten sich auf die Praxis-Wünsche vorbereiten.

„Die Stimmung ist äußerst positiv. Jeder nimmt von hier etwas mit“, beobachtet Lehrer Koczy. „Selbst wenn ein Berufsfeld nicht gefällt, ist das ein Ergebnis, zu wissen, was man ausschließen kann“, erklärt die didaktische Leiterin der Schule, Sonja Laarmanns. „Auch die Ausbilder-Kollegen sind sehr angetan“, ermittelte Heinz Driehsen, Technikleiter im Bereich Bildung bei SOS. „Bisher hatten sie immer mit älteren Jugendlichen zu tun. Aber gerade bei diesen Jüngeren ist es toll, wie motiviert sie sind.“

Für Lehrer „Mr. K“ Koczy ist es großartig mitzuleben, wie „Schüler, die nicht so sehr Leistungsträger sind, erkennen: Ich kann voll mehr als der Mathecrack’, der sich handwerklich schwer tut“.

Impulse fürs Handwerk

Sonja Laarmanns: „Schüler verhalten sich hier anders. Es ist wichtig, dass die Praxistage nicht von denen durchgeführt werden, die Teil des Schulsystems sind und dass diese Erfahrung außerhalb der Schule stattfindet“.

Unter den Top-10-Berufswünschen in den Klassen waren nur zwei aus dem handwerklichen Bereich, die meisten zielen auf Dienstleistung. „Dabei fehlen laut IHK in 15 Jahren rund 50 000 Fachkräfte im Handwerk“, erinnert Spicker.

Um so wichtiger sind diese zwei Wochen Einblicke und Impulse an der Riswicker Straße. Seit vier Jahren setzt die Gesamtschule Mittelkreis Tagespraktika schon in den 8. Klassen auf den Stundenplan, dazu frühzeitige Sozialpraktika. Aber diese ausführlichen Erfahrungen bei SOS am Klapheckenhof sind ein großartiger Zugewinn.

Oft haben die 9er und 10er Schüler Ängste, Berufs-Entscheidungen fürs Leben zu fällen, sie schließen lieber zwei oder drei Jahre Berufsvorbereitung am Berufs-Kolleg an. Gerade die handwerklich Talentierten, die raus ins Leben müssten, haben dann die längste Schulzeit von allen. Solche Berufsfelderkundung soll den Kindern Impulse geben.

Vieles wird sich aber ändern, wenn nach dem nächsten Jahr das Landesprogramm „KAoA – Kein Abschluss ohne Anschluss“ diese Berufsorientierung ersetzt (siehe Text unten).