Nicht nur räumlich das Herz

Schloss Wissen Kapelle, mit Raphaël Frhr. von Loë
Schloss Wissen Kapelle, mit Raphaël Frhr. von Loë
Foto: Astrid Hoyer-Holderberg
Was wir bereits wissen
Die strahlende Kapelle von Schloss Wissen hat eine bewegte Geschichte – von aufmüpfigen Katholiken. Zu sehen und zu hören am Wochenende

Weeze..  Jeder Tag beginnt für Raphaël Freiherr von Loë genau hier, in der Kapelle von Schloss Wissen. Seit er 1999 mit den Eltern das Wohnhaus getauscht hat und direkt Wand an Wand mit der Hauskapelle lebt, ist das Empfinden fürs alte Gemäuer noch inniger geworden. Seit die Kapelle nun so strahlt, ist ein Glücksgefühl hinzu gekommen. Der Ruß von 130 Jahren wurde aufwändig weggeputzt (die NRZ berichtete im Mai) und zeigt die phantastische Schönheit handwerklicher Kunst. Die Besten ihre Faches legten einst Hand an. Die Kapelle „ist nicht nur räumlich das Herz der Schlossanlage“, sagt von Loë. Davon kann man am Wochenende erfahren, wenn sich beim Parkfest auf Schloss Wissen die Türen zur Familienkapelle öffnen. Nur an einzelnen Tagen kann die Öffentlichkeit hinein. Donnerstags um 6.45 Uhr zur Frühmesse, an einem Sonntag im Monat feiert der Pastor von Weeze eine Heilige Messe. Außerdem ist die Vorburg an Priester vermietet, die dort ihre Ferien verbringen und zwei mal pro Woche Messe feiern. „Wenn das Gebäude nicht öffentlich zugänglich wäre, hätten sich auch Bistum und Stiftung Denkmalschutz nicht so engagiert“, freut sich der Freiherr über Zuschüsse.

Leider – oder finanziell gesehen zum Glück – hatte sich der Kirchenboden zwischen den Jahren 2000 und 2012 um dreieinhalb Zentimeter geneigt. Fachleute fanden heraus, dass die Kirche nicht mit ihren waagerechten Holzbalken auf senkrechten Pfählen gegründet war, sondern deren Schnittpunkte genau daneben lagen, der Boden knickte ein. Zum Glück kein Zement, sondern nachgiebiger Trass. Man sieht es heute noch – und so soll es bleiben – an den schiefen Bänken. (Übrigens am Rande: Die Weezer Frauen saßen in der Messe links, die Männer rechts. „Das kenne ich noch aus meiner Kindheit“, so von Loë).

Um den galoppierenden Verfall zu stoppen, wurde restauriert: 52 Pfähle und die Malerei gleich mit.

Dass überhaupt bei der Gründung des Gebäudes so gehuscht wurde, liegt an der heimlichen, blitzschnellen Bauzeit, erzählt Raphaël Freiherr von Loë in blumigen Worten von der Historie. „Als der Herzog von Kleve konvertierte, traten die von Loës für Religionsfreiheit ein“. Obwohl Prozessionen und schulischer Religionsunterricht verboten wurden, ließ sein aufmüpfiger Ururgroßvater eine Prozession zu, wurde prompt als Bürgermeister von Weeze demissioniert. Doch auch sein Nachfolger war wie er katholisch und genehmigte den Bau eines Gebäudes.

Dass es inhaltlich eine Kapelle werden sollte, wurde vorsorglich gar nicht erst beantragt. Acht Monate später war im Wasser, auf Holzfundamenten, die Kapelle – „ohne Kräne dama ls“ – bis in Gewölbe fertig. Da fiel der Clou auf, die Baustelle wurde stillgelegt. Aber der Ururgroßvater von Loë sprach beim Regierungspräsidenten in Düsseldorf vor: Schnee drohe, wenn jetzt kein Notdach aufgelegt würde, wäre alles umsonst errichtet .... Er überzeugte. Für das „Notdach“ lagen aber die echten Materialien längst bereit und decken die Kapelle bis heute. Katholische adelige Familien unterstützten finanziell den Kapellenbau. Ihre „Sponsorenschilder“ sind in den Kirchenfenstern verewigt.

Die Künstler der damaligen Zeit engagierten sich gern für einen katholischen Plan. Baumeister war der Kölner Dombaumeister Statz, (neugotische Kapelle Köln), Kirchenmaler Stummel, Langenberg schuf den Orgelprospekt (Schnitzerei), Rütter die Orgel. Die ausdrucksstarken Fensterbilder wurden im britischen Birmingham in einer katholischen Werkstatt gefertigt. Als das letzte Fenster 1892 eingebaut wurde, war der Kulturkampf bereits beigelegt (1889). Und es war auch ein von Loë, Walter, der Generalfeldmarschall, der das Versöhnungsgeschenk dem Papst überbrachte – ein Vetter 2. Grades.