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Mit der Stimme alles geben

17.01.2012 | 18:03 Uhr
Mit der Stimme alles geben
Foto: Heinz Holzbach/WAZ/FotoPool

Goch.   Gesine van der Grinten-Lersch und der Reichtum des Singens. Sie war begeistert, als sie im Alter von zehn Jahren zum ersten Mal eine Oper hörte.

Das kleine, schüchterne Mädchen war begeistert, als es zum ersten Mal eine Oper hörte. Als Zehnjährige erlebte es in Geldern eine Aufführung von Mozarts „Die Zauberflöte“, die es seit dem „rauf und runter gehört“ hat. „Ich war von den Gesangsstimmen fasziniert und wollte nach diesem Erlebnis unbedingt Sängerin werden“, sagt Gesine van der Grinten-Lersch, die damals davon überzeugt war, jeden Menschen ziehe es zum Singen auf die Bühne. Am Gesangsunterricht nahm sie als Schülerin freiwillig teil, „obwohl ich immer schrecklich gesungen habe“.

Opernmusik als Befreiung

Als Kind sei sie sehr „’innen’ gewesen, wie in einem Kokon, habe viel geträumt und konnte nicht gut in Kontakt mit dem ‘Außen’ kommen. Meine Innenwelt war immer gefüllt, mein Außenkontakt war schwierig.“ Aus dieser Ummantelung befreite die Opernmusik das kleine Mädchen. Von da an bewältigte Gesine van der Grinten-Lersch einen langen Weg, bis sie als ausgebildete Mezzosopranistin endlich Bühnenluft und Konzertatmosphäre schnuppern durfte. Nach dem Gesangsunterricht während der Schulzeit bei der Klever Sopranistin Maria Hardenberg studierte sie an der Folkwang-Hochschule in Essen bei Claudia Rüggeberg. Heute erteilt sie selbst Unterricht: an der Dom-Musikschule in Xanten, an der Gaesdoncker Musikschule und in ihrem Atelier im Gocher Bahnhof für Menschen zwischen zwölf und fünfundsechzig.

„Maria Hardenberg hatte unendliche Geduld und riet mir trotzdem ab, Gesang zu studieren“, erzählt sie. Elf Aufnahmeprüfungen später ergatterte sie einen Studienplatz am Konservatorium im holländischen Zwolle. Nach zwölf Semestern - mitten im Studium bekam sie ihr erstes Kind – war ein Lebenstraum erfüllt. Ein weiterer schwirrt in ihrem Kopf herum: „ein Theaterstück über das Singen schreiben, in dem ich über das Innenleben des Singens erzähle.“ Die Einheit des Innen und des Außen ist ihr sehr wichtig. „Im Moment des Singens bin ich das selbst, und die Menschen, die mir zuhören, erkennen mich als Ich und nicht als jemand, der gefallen will oder eine Rolle spielt.“

„Meine Schüler müssen mit sich selbst in Kontakt gehen,“ sagte Gesine van der Grinten-Lersch, die nach dem Studium eine Methode kennen lernte, die Terlusollogie, die sich mit zwei Atemtypen und deren Auswirkung auf Körperhaltung, Motorik, Stoffwechsel und Kreislauf beschäftigt. „Ich habe dadurch vieles kennen gelernt, was im Studium gar nicht berücksichtigt wurde“, sagt sie: „Wie singt man leise, wie singt man einen sauberen Ton?“ Das angeratene „Nun übt mal mehr“ führte zu keinem befriedigenden Ergebnis.

Als Kind kam sie in die Nähe zu Joseph Beuys. Was gar nicht überrascht, ist ihr Vater doch der bekannte Beuys-Sammler und erste Direktor des Museums Schloss Moyland, Hans van der Grinten (1929-2002). „Künstlerische Arbeit ist ein wichtiger Aspekt des Vor-Lebens in einer Welt, in der es sehr viel um Äußerlichkeiten geht.“ Obwohl sie als Kind die Kunst von Beuys nicht verstanden habe, gab es doch Begegnungen mit „Onkel Beuys“ bei Ausstellungen und Feiern. „Beuys hat für mich Bücher von Sängerinnen aufgehoben und Streiche erzählt, die man in der Schule machen kann.“

Dass es eigentlich darum geht, sinnhaft zu leben, sein Potenzial zu entfalten, damit die Welt besser wird, eröffnete sich Gesine van der Grinten-Lersch, als sie den Film von Caroline Tisdall über die Aktion von Beuys mit dem Kojoten gesehen hatte. Da erkannte sie das Prophetenhafte bei dem Künstler, das auch dazu diente, die Menschen zur Kreativität zu ermutigen.

Wichtig ist ihr die Förderung des Liedgutes, was sie nicht nur als Sängerin, sondern auch als Organisatorin der Konzertreihe „colla voce“ im Museum Schloss Moyland mit leidenschaftlicher Energie und Präsenz verfolgt. „Ich fühle mich reich und hatte nie ein Gefühl von Mangel“, offenbart Gesine van der Grinten-Lersch ihre Zufriedenheit und verrät den Grund dafür: „Man wird reicher durch abgeben als durch horten.“

Klaus Hübner

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