Leben mit der Freiheit

Mitglieder des Klever Vereins mit dem Landrat im Kreishaus.
Mitglieder des Klever Vereins mit dem Landrat im Kreishaus.
Foto: Andreas Daams
Was wir bereits wissen
Ausstellung im Kreishaus zeigt 20-jährige Geschichte des Klever Vereins „Hafen der Hoffnung“. Brauchtum, Völkerverständigung und aktuelle Flüchtlingshilfe

Kleve..  Sie kamen aus einer Diktatur, und nichts lag ihnen ferner, als an irgendetwas mitzuwirken, das auch nur entfernt an staatlich gewünschte oder geförderte Organisationen erinnerte. „Ein Jahr haben wir uns dagegen gesträubt, einen Verein zu gründen“, erinnerte sich Julia Weber an die Anfangszeit vom „Hafen der Hoffnung“. „Ich habe mir nie erträumt dass ich eines Tages hier stehen würde“, sagte die Vereinsvorsitzende im Kreishaus, wo sie mit Landrat Wolfgang Spreen die Ausstellung zur 20-jährigen Geschichte des erfolgreichen Vereins eröffnete.

Die Russlanddeutschen, die verstärkt nach 1988 durch die Öffnung des Ostblocks und den nachfolgenden Zerfall der Sowjetunion nach Deutschland kamen, blickten zurück auf Umsiedlung, Kollektivierung, auch auf Neid und Missgunst. Viele kehrten ihrer Heimat Russland den Rücken und wanderten in die Heimat ihrer Ahnen aus. „Es ist wahr, dass wir bis 1996 an sehr vielen Problemen gearbeitet haben“, sagte Julia Weber. Denn Integration ist alles andere als einfach. Viele Klever, auch zahlreiche Politiker, halfen dem „Hafen der Hoffnung“. Dies zeigt die Ausstellung sehr deutlich.

Allein zwischen 1989 und 2009 fanden mehr als 6200 Aussiedlerinnen und Aussiedler im Kreis Kleve ihre neue Heimat. Man kann erahnen, wie viel Bürokratie das bedeutete, aber auch, wie viel Sprachunterricht, Vermittlung von Hintergrundwissen über die bundesrepublikanische Gesellschaft, wie viele Kontakte es zu schmieden galt. Viele Betroffene mussten auch erst mit der ungewohnten Freiheit zurecht kommen. „Der Hafen der Hoffnung ist ein großartiger Verein, der über sehr lange Zeit durch ehrenamtliche Tätigkeit segensreich gearbeitet hat“, lobte Wolfgang Spreen die vielen aktiven Mitglieder, die sich vor dem Maywald-Saal im Kreishaus versammelt hatten. Julia Weber erhielt für ihre jahrzehntelange ehrenamtliche Arbeit 2014 das Bundesverdienstkreuz.

Zugleich – und auch das kann man sehr schön anhand der Fotografien in der Ausstellung erkennen – widmet sich der „Hafen der Hoffnung“ dem Brauchtum. So ist beispielsweise die Singgruppe mit deutschen und russischen Liedern gern gesehener Gast, wenn es um Völkerverständigung geht. Gerade erst war sie beim Fest der internationalen Begegnung in Weeze, in Kürze tritt sie beim Festival der Toleranz in der Hochschule Rhein-Waal auf.

Logischerweise ist der Blick der Ausstellung hauptsächlich in die Vergangenheit gerichtet. Neben einem kurzen Überblick über die Geschichte der Russlanddeutschen finden sich zahlreiche Momentaufnahmen aus Kursen, Feiern, Treffen und Maßnahmen. Aber weil die vielen bestens integrierten Vereinsmitglieder am eigenen Leibe erfahren haben, wie es sich anfühlt, in eine fremde Gesellschaft zu kommen, ist der „Hafen der Hoffnung“ inzwischen auch mit Flüchtlingsarbeit beschäftigt. „Drei junge Frauen von uns sind hier sehr aktiv“, berichtet Julia Weber.

Die Ausstellung ist bis zum 26. Juni zu sehen. Sie befindet sich im Kreishaus vor dem Maywaldsaal.