Leben an der Grenze

Paul Wilbers, ehemaliger Bürgermeister von Ubbergen
Paul Wilbers, ehemaliger Bürgermeister von Ubbergen
Foto: NRZ
Paul Wilbers hat sich sein Leben lang für die Verständigung im deutsch-niederländischen Grenzgebiet eingesetzt. Am Wochenende wurde er ausgezeichnet

Kranenburg/Ubbergen..  „Mein Leben lang habe ich im Grenzgebiet gewohnt. Das russische Wort für Grenzgebiet heißt übrigens Ukrajina und daraus lässt sich bereits ableiten, dass in so einer Region immer etwas los ist. Auf jeden Fall verbindet man mit einem Grenzgebiet so viel wie: Leben am Rande eines Landes, ein undefinierbares Gebiet, mit Menschen, die dicht an ein anderes Land wohnen, Kontakte pflegen zu Menschen von der anderen Seite der Grenze, diese komische Grenzsprache auch noch beherrschen und ja, wer mit Pech umgeht, wird damit besudelt. Ukrajina – igitt.

Menschen in – sagen wir – der Provinz Utrecht denken, dass sie im Herzen unseres Landes wohnen und die anderen in einer Art Randstad oder im Achterhoek. Wir hingegen empfinden die Mitte unseres Landes als langweilig. Und auch die Menschen in Utrecht vermissen etwas, aber sie wissen nicht was. Es ist natürlich die Grenze. Die Grenze zwischen Deutschland und den Niederlanden, eigentlich jede Grenze zwischen Staaten, hat einen großen Einfluss auf das tägliche Leben.

Ein „homo euregionalis“

Ich selbst bin ein echter Grenzgänger. Ein homo euregionalis. Meine Familie lebt an beiden Seiten des Schlagbaums und daher umfasst meine Familiengeschichte auch beide Seiten der Grenze. Meine Großeltern kamen aus Kranenburg und Groesbeek, meine Mutter stammte aus Wyler und heiratete einen Mann aus Groesbeek. Und so führten wir zu Hause immer spannende Gespräche über das Schmuggeln von Butter und Bohnenkaffee, oder über den einen Onkel, der auf dem Grebbeberg gekämpft hat und den anderen deutschen Onkel in Stalingrad. Und als Kinder haben wir jedes Jahr Sinter Klaas in Groesbeek und Weihnachten in Wyler gefeiert. Solche Familien gab es viele in der Grenzregion. Die Grenze war in unserem täglichen Leben immer präsent.

Schon seit dem vergangenen Jahrhundert, also noch vor den großen Weltkriegen, steht in Beek-Ubbergen ein Grenzpfahl mit dem Text: „Laat vriedschap helen, wat grenzen delen.“ Schön gesagt. Aber was teilen Grenzen genau? Und was muss geheilt werden? Grenzen teilen Regionen. Eine Grenze längs eines Flusses, ein Bergrücken oder eine Straße sind geografische Grenzen – aber sie schmerzen nicht. Was geheilt werden muss, was Wunden geschlagen hat, sind offenbar die Trennlinien, die zwischen Menschen gezogen wurden.

An unserer Grenzen durften viele Dinge nicht. Man durfte nicht kaufen was man wollte, man durfte nicht transportieren was man wollte, man durfte nicht das Land bestellen welches man wollte, man durften nicht gehen und stehen wo man wollte, man durfte nicht wohnen wo man wollte, man durfte nicht Mitglied von Vereinen werden, in die man wollte und manchmal durfte man auch nicht sagen was man wollte. Man durfte also eine ganze Menge nicht und das war sehr schmerzlich. Die Trennlinie verursachten Wunden die geheilt werden mussten. Glücklicherweise gibt es die meisten Verbote nicht mehr. Wir werden schon lange nicht mehr durch eine Grenze geteilt.

Leben an der Grenze

Und dennoch: Eine wissenschaftliche Studie über die Einfluss der Grenze auf die Bewohner in Kerkrade und Herzogenrath in Limburg führte zu Tage, dass die Grenze noch existiert, wenn auch ganz anders als vor gut 100 Jahren. Früher war die Grenze klar erkennbar mit Stacheldraht, Zoll, Kontrollen und Schlagbaum. Aber die Menschen feierten auch zusammen Karneval, man heiratete grenzüberschreitend, Bauern bearbeiteten gemeinsam ihre Felder. Und dies alles gelang, weil man die gleiche Sprache sprach: der Dialekt der Grenzregion. Man verstand sich. Heute ist die Grenze nicht mehr sichtbar, aber wir sprechen nicht mehr die gleiche Sprache. Der Dialekt ist verschwunden und Deutsch wird von der Jugend kaum noch gelernt. Die Grenze ist also doch noch allgegenwärtig, aber anders als früher. Was für Limburg gilt, gilt auch für unsere Region. Ich bin sehr froh darüber, Deutsch an niederländischen Schulen zu unterrichten und Niederländisch an deutschen Schulen.

Die komischen Deutschen – herrlich

Die heutige Grenze ist keine Bedrohung mehr. Und daher finde ich, dass die Grenze daher auch bleiben muss. Denn eine Grenze ist auch sehr schön. Ich möchte nicht, dass sie verschwindet. Die Grenze ist eine touristische Attraktion. Die Kulturunterschiede zwischen den blöden Deutschen und den bekloppten Holländern sich doch wunderbar. Dies muss so bleiben! Die Draisine ist viele schöner, weil sie die Grenze überquert, so ein typischer deutscher Weihnachtsmarkt in Kleve, das billige Benzin, die Schwarzwälder Kirschtorte von Bäcker Derks, das Kölsch und, und, und. Es ist einfach wunderbar eine Grenze in der Nähe zu haben.

Und wie hätte ich jemals Grenzland-Europäer werden können ohne diese Grenze? Die einzige Grenze die verschwinden muss, ist die in unseren Köpfen. Diese Grenze darf verschwinden.

Es ist ein besonderes Privileg in einer Grenzregion zu wohnen. Es ist der beste Ort, um Vorurteile abzubauen. Darum sind die Euregios in Europa auch so wichtig. Der Anfang wird bei den Menschen im Grenzgebiet gemacht, denn sie verstehen einander am besten. Schließlich kommen wir oft mit einander in Kontakt. Vorurteile abzubauen heißt Vertrauen aufzubauen und Vertrauen ist die einzige Grundlage, auf der wir in Europa zusammenleben können.

Vertrauen in Europa

Ohne Vertrauen gibt es Unruhen, Nationalismus und Egoismus. Die gesamte Finanzkrise und alles was sich daraus fortentwickelt hat an Unruhen und Beschuldigungen zwischen Griechen und Deutschen oder zwischen Briten und Europäern haben ihren Ursprung in fehlendem Vertrauen. Oftmals beherrschen uns noch die Vorurteile, obwohl wir doch alle nur dasselbe wollen: ein friedliches Europa mit der Chance auf ein anständiges Leben für Jedermann.“

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