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Kulturelles Erbe des Niederrheins

05.04.2011 | 22:00 Uhr
Kulturelles Erbe des Niederrheins
Hans-Georg Steiffert, Leiter des Collegium Gaesdonck, in der Klosterbibliothek . Foto: Thorsten Lindekamp

Goch. Die Buchbestände der Klosterbibliothek im Collegium Augustinianum Gaesdonck sind wertvoll. In den letzten zwölf Monaten wurden in den Räumen umfangreiche Renovierungsarbeiten durchgeführt.

Der Eingang ist unscheinbar. Eine ganz normale Glastür zu einen ganz normalen, modernen Gebäudetrakt. „Hier geht die Schule in die Klosterbibliothek über“, sagt Oberstudiendirektor i.K., Hans-Georg Steiffert. Glasfenster und Fliesenboden werden zu Mauergewölben und Steinboden. Ein Wappen ist im Boden eingelassen. Über eine gewundene, enge Steintreppe geht es hoch in die erste Etage.

Hier ist der Eingang zur Klosterbibliothek der Gaesdonck. Steiffert muss einen Code eingeben. Die Buchbestände der Klosterbibliothek sind wertvoll. „Über 5000 Bände haben wir hier“, sagt Steiffert. Zwei wichtige Archive haben ihr Zuhause in den Regalen der Gaesdonck: das Klosterarchiv mit Büchern der Jahre ca. 1350 bis 1850 und das Archiv von Graefenthal mit Büchern von ca. 1250 bis 1700.

50 000 Seiten
wurden eingescannt

Hans-Georg Steiffert zitiert gerne den ehemaligen NRW-Innenminister Fritz Behrens, der den Niederrhein einen „schlafenden Riesen“ genannt habe. „Man ist gerade erst dabei, das kulturelle Erbe des Niederrheins zu entdecken“, sagt er und fügt selbstbewusst hinzu: „Die Gaesdonck spielt da eine große Rolle.“

Durch die Renovierung der Klosterbibliothek in den letzten zwölf Monaten mussten die Bücher übrigens vorübergehend weichen. Sie wurden vom Diözesanverband in Münster aufwendig digitalisiert. „Um die 50 000 Seiten, alle einzeln eingescannt.“ Steiffert ist beeindruckt. „Ohne die Amtshilfe aus Münster wäre das nicht möglich gewesen.“ Ein Jahr hatte man nun vor Ort Zeit, die Bibliothek auch baulich wieder auf den neuesten Stand zu bringen. Regale, Fenster, Lampen, Heizung – dies alles bedurfte einer Renovierung. Die ist nun abgeschlossen. Am 11. April ist offizielle Eröffnung, Weihbischof Wilfried Theising kommt, der Münsteraner Leiter der Diözesanbibliothek, Gottfried Minkenberg, ebenfalls.

Hans-Georg Steiffert öffnet die Tür. Die Klosterbibliothek. Vielleicht 25 Meter geht es in den Raum hinein, Spitzbogen reiht sich an Spitzbogen, in den Nischen stehen die Regale. Dunkles Holz, perfekt in die Spitzbogennische eingepasst – und vor allem: Es schädigt die Bücher nicht. „Ich habe mir sagen lassen, dass das Material der alten Regale – die waren von 1948/49 – zu einer Säurebelastung der Bücher führt und diese zerstört“, sagt Hans-Georg Steiffert. Doch er schätzt die neuen Regale noch aus einem anderen Grund: Es ist alles gut sortiert, man kommt überall dran. „Früher sah es hier gedrängter aus“, erinnert er sich. Sein Blick geht durch den Raum. Nur an der letzten Nische stehen noch ein paar Kisten, die Regale sind dort noch leer.

Eine Kleinigkeit,
die stolz macht

Was noch erneuert wurde? Steiffert deutet auf die Fenster – „eine Kleinigkeit, auf die ich sehr stolz bin“: Hinter den alten, bunten Klosterfenstern wurden unauffällig neue eingebaut. Die alten Scheiben haben am Rand zum Mauerwerk kleine Löcher, Luft und Staub haben freie Bahn. „Das schädigt die Bücher“, sagt Steiffert. Außerdem vertragen diese kein UV-Licht – auch das wird durch die Fenster gefiltert. Dazu sorgt eine moderne Heizungs- und Lüftungsanlage für gleichbleibende Luftfeuchtigkeit: „18 Grad und 48 Prozent Luftfeuchtigkeit“, weiß Steiffert. Die dunkel-metallischen Heizungen unter den Fenstern fügen sich erstaunlich harmonisch in das – natürlich frisch gestrichene – Gemäuer ein. Genauso die neuen, weißen Lampen, die von der Decke herunter hängen.

Hans-Georg Steiffert geht tiefer in die Bibliothek hinein. Am Ende des Ganges ist eine kleine Tür, man muss sich bücken, um hindurch zu kommen. Hier liegen ein paar besondere Schätze: Handschriften. Die älteste ist von 1250: Eine Anfrage der Nonnen aus Graefenthal an den Papst, entziffert Steiffert aus den lateinischen Lettern. Der Papst antwortet über den Bischof von Köln. „Hier ist das Siegel des Papstes“ – er deutet auf ein Metallsiegel, das mit Seidenfäden am Brief befestigt ist.

Stolz ist Steiffert besonders auf die 150 Inkunabeln, die in der Klosterbibliothek stehen – große, aufwendig gedruckte Bücher nach dem Vorbild der Gutenberg-Bibel von ca. 1454. Steiffert schlägt eines auf – eine lateinische Bibel, gedruckt 1480 in Basel. Verschlungene Buchstaben reihen sich aneinander, verschiedene Schriftarten, Verzierungen. „Es kamen mehrere Druckverfahren zum Einsatz“, sagt Steiffert. Einige haben Metallschnallen. „Damit sollte verhindert werden, dass die Bücher durch die Luftfeuchtigkeit aufquellen“, sagt Steiffert. Er schlägt auf das Buch. Die Schnallen springen auf. „Daher kommt der Begriff ‘ein Buch aufschlagen’!“

Im Regal sticht ein Buch ins Auge: der Buchrücken ist aufgerissen.

Das Buch als
Lebensretter

Dieses Buch habe sich ein Mönch bei einem Angriff vor den Leib gehalten – und überlebt. Das Bajonett des Angreifers scheiterte am Wälzer. „Alles urkundlich belegt“, sagt Steiffert. Er greift zu einem anderen Buch und zeigt auf den Buchdeckel. Er besteht aus Seiten älterer Bücher, ein Verfahren, um das damals sehr teure Papier zu sparen. In den Buchdeckeln sind schon Schätze wie das Nibelungenlied gefunden worden. Steiffert vermutet, dass sich viele ältere Schriften in den über 10 000 Buchdeckeln der Klosterbibliothek verstecken. Hier könne noch viel geforscht werden. Ab dem 11. April ist die Klosterbibliothek auf Anfrage für Forscher und Interessierte wieder zugänglich.

Andreas Eichhorn

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Kulturelles Erbe des Niederrheins
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2011-04-05 22:00
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