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Gesundheit

„Kleve bietet keine Grundversorgung mehr“

01.06.2012 | 19:37 Uhr
„Kleve bietet keine Grundversorgung mehr“
Dr. Andreas Fischer spricht stellvertretend für die Klever Hausärzte. Foto: Heinz Holzbach

Kleve.   Die Klever Hausärzte kritisieren das neue Krankenhausmodell. Dr. Andreas Fischer erklärt den Grund.

Gibt es in Kleve künftig nur noch ein Rumpfkrankenhaus? Die Hausärzte der Stadt schlagen Alarm. In zwei öffentlichen Briefen machten sie auf die Probleme der angedachten, neuen Krankenhausstrukturen aufmerksam. Die NRZ bat Hausarztsprecher Dr. Andreas Fischer und einen Vertreter der Katholischen Kliniken um ein gemeinsames Interview. Diesem Gespräch stellte sich Internist und Hausartz Dr. Andreas Fischer, der lange im Klever Krankenhaus gearbeitet hat. Die katholischen Kliniken lehnten ein öffentliches Interview beziehungsweise eine Stellungnahme zum vorgelegten Text ab: Der Klinik-Leitung sei es jetzt wichtig, zuerst mit den Ärzten zu sprechen und nicht wieder über die Presse zu kommunizieren.

Herr Fischer, gemeinsam mit Ihren Kollegen haben Sie in einem Brief Ihre Besorgnisse kund getan. Welche Probleme sehen Sie?

Dr. Andreas Fischer: Ein Großteil unserer Patienten ist mehrfach erkrankt, ist älter, hat vielleicht Handicaps. Dann ist es wichtig, dass diese Patienten in ein Krankenhaus aufgenommen werden, in dem sie auch bleiben können und nicht, wie es in der Zeitung zu lesen war, auf die B9 als verlängerten Flur geschickt werden. Diese Patienten müssen von mehreren Fachabteilungen gesehen werden. Das ist in Kleve dann nicht mehr gegeben.

Bei Notfällen müssen die Fachabteilungen direkt vor Ort sein und eine entsprechende Versorgung leisten. Das ist bei diesem Konzept unseres Erachtens nicht gegeben. Zwar wird eine gewisse Notfallversorgung angedacht, allerdings muss man wissen, dass die Kliniken schon jetzt große Probleme haben, ärztliche Stellen zu besetzen. Der Niederrhein ist nicht attraktiv - und wird durch diesen Schritt nicht attraktiver. Mit der Verlegung der Gastroenterologie und der allgemeinen Chirurgie werden zwei Kernabteilungen von Kleve nach Goch verlagert und das Antonius- Hospital bleibt als Rumpfkrankenhaus zurück.

Für Kleve ist ein Traumazentrum vorgesehen. Dies schließt ja wohl auch eine Notfallversorgung ein.

Dr. Andreas Fischer: In einem Traumazentrum werden Knochenbrüche und Unfälle behandelt. Das heißt innere und äußere Verletzungen. Dazu gehören aber auch Verletzungen innerer Organe, die in der Regel durch den Allgemeinchirurgen behandelt werden. Das kann in Zukunft nicht mehr geleistet werden.

Aber die Einrichtung soll ausgebaut werden.

Dr. Andreas Fischer: Darüber weiß ich auch nichts. Das Gleiche gilt für das Bauchzentrum in Goch. Das Bauchzentrum wird aus den beiden Abteilungen gebildet, die aus Kleve weggehen. Warum bleiben sie dann nicht direkt in Kleve? Ich kann da keine medizinische Verbesserung erkennen.

Das neue Modell birgt für Sie in erster Linie Probleme bei der Versorgung?

Dr. Andreas Fischer: Ja. Man wird in Kleve aufgenommen, dann verlegt oder nur kurzfristig aufgenommen. Je nachdem, wie akut der Fall ist.

Dr. Andreas Fischer: Stellen Sie sich ein älteres Ehepaar aus Kranenburg vor: Einer von den beiden muss nachts ins Krankenhaus. Am anderen Tag hat der Partner eine Fahrgelegenheit gefunden, kommt in Kleve an, aber der Patient ist schon weiter verlegt worden. Das halte ich für äußerst schwierig. Zudem ist die B9 für den Transport nicht ganz ungefährlich. Es wird Zeitverzögerungen geben. Das kann im Notfall schon traumatisch sein.

Nehmen wir einen Unfall, bei dem ein Patient mehrere Verletzungen erlitten hat. Sehen Sie da auch Probleme?

Dr. Andreas Fischer: Ja. Nehmen Sie an, Sie haben Knochenbrüche, die in Kleve versorgt werden. Jetzt haben Sie vielleicht auch Verletzungen von inneren Organen: Leberriss, Milzriss. Das sind natürlich Aufgaben für den Allgemeinchirurgen. Und nicht primär für einen Traumatologen.

Und dann?

Dr. Andreas Fischer: Ich weiß nicht, wie das funktionieren soll. Das wird aus den Mitteilungen der Klinikleitung auch nicht klar. Da braucht man sehr versierte Leute.

Sie beziehen sich bei Ihren Argumenten auf Zeitungsartikel. Inwiefern wurden Sie vom Krankenhaus informiert?

Dr. Andreas Fischer: Wir sind überhaupt nicht informiert worden. Wir haben alles aus der Presse erfahren müssen. Und von Mitarbeitern des Krankenhauses weiß ich, dass deren Wissensstand ähnlich ist.

Ist es richtig, dass ein Großteil der Klever Chefärzte die neue Struktur ablehnt?

Dr. Andreas Fischer: Ich bin nicht der Sprecher der Klever Chefärzte. Wie allerdings zu hören ist, sollen auch bei den Krankenhausärzten starke Bedenken gegen die neue Struktur bestehen.

Es gibt also keine offene Kommunikation?

Dr. Andreas Fischer: Wir haben nach unserer ersten Stellungnahme einen allgemein abgefassten Brief des Krankenhauses bekommen, der im Endeffekt das widergibt, was in der Zeitung stand.

Ist für Sie als einweisender Arzt auf dieser Grundlage überhaupt eine Entscheidung möglich?

Dr. Andreas Fischer: Kleve ist in Zukunft für viele Patienten nicht mehr geeignet. Ich muss Patienten in ein Krankenhaus schicken, das vollständig ist. Kein Rumpfkrankenhaus, wo die wichtigsten Abteilungen fehlen. Ich muss sicher sein können, dass der Patient auch von anderen Abteilungen gesehen und versorgt werden kann. Das gibt es in Kleve dann nicht mehr.

Haben Sie noch die freie Wahl?

Dr. Andreas Fischer: Wir sind gesetzlich gehalten, in das nächst gelegene geeignete Krankenhaus einzuweisen. Nächstgeeignet könnte dann Goch sein, Emmerich oder aber auch Nimwegen.

Wie reagieren Ihre Patienten auf die Vorgänge?

Dr. Andreas Fischer: Es ist vielen Patienten überhaupt nicht klar, was da passiert. Es ist die Verlegung von zwei großen Abteilungen.

Ist das aus Ihrer Sicht eine rein wirtschaftliche Entscheidung und weniger eine fachlich begründete?

Dr. Andreas Fischer: Also fachlich begründet ist dieser Entschluss nicht. Was im Einzelnen dahinter steht, kann ich nicht beurteilen. Für mich ist das der schnelle Versuch, eine Heilung des Gocher Krankenhauses herbei zu führen.

Müssen Sie als Hausarzt diesen Frosch jetzt einfach schlucken - oder welche Möglichkeiten der Intervention haben Sie?

Dr. Andreas Fischer: Wir können unsere Probleme in der Öffentlichkeit darlegen. Oder aber Patienten mit unklaren Krankheitsbildern in andere Häuser verlegen.

In Kleve gibt es Fachabteilungen wie die Urologie, die Gynäkologie und die Traumatologie, die sind auch schon mal auf einen Allgemeinchirurgen angewiesen. Sie operieren gynäkologisch und stellen fest, dass der Tumor mit dem Darm verwachsen ist. Sie brauchen dann den Allgemeinchirurgen. Und zwar einen versierten Mann.

Jetzt hört man auch aus dem politischen Raum: Mensch, Sie klagen auf einem hohen Niveau. Die ärztliche Versorgung im Kreis Kleve ist top.

Dr. Andreas Fischer: Wenn wir ein Krankenhaus in Kleve haben, dass sollte dieses auch die Grundversorgung bieten können.

Das ist dann nicht mehr der Fall?

Dr. Andreas Fischer: Nein, nicht mehr. Die zwei Kernabteilungen fehlen.

Frau Dr. Mosch hat betont, dass man in Kleve eine gute Aufnahme installieren wird, die schnell entscheiden kann, wo jemand hin soll.

Dr. Andreas Fischer: Nehmen Sie das Kind mit dem akuten Blinddarm. Wohin mit dem Kind? Nach Kleve in die Kinderabteilung? Nach Goch ins Bauchzentrum, wo es operiert wird. Und dann geht es zurück nach Kleve?

Solche Standardfälle müssten vorher geklärt werden.

Dr. Andreas Fischer: Angeblich soll so etwas geregelt werden. Aber dann braucht man in Kleve eine chirurgische Abteilung, die rund um die Uhr einsatzfähig ist. Das heißt, sie haben diese Struktur gedoppelt.

Diese Doppelstrukturen möchte man ja gerade abbauen.

Dr. Andreas Fischer: Das ist für mich nicht logisch. Ich kann nicht etwas verlegen, aber dann doch genug in Kleve belassen, damit es funktioniert. Wenn jemand akut aus Magen oder Darm blutet, dann braucht man Ärzte, die nicht nur eine Magen- oder Darmspiegelung machen können, sondern auch Komplikationen beherrschen. Als Arzt versucht man es erst einmal endoskopisch. Wenn das nicht klappt, muss der Chirurg den Bauch aufmachen und die Blutung stillen. Wie wollen Sie das, wenn man die beiden Abteilungen nach Goch verlegt hat, in Kleve hinkriegen?

Wie viel Prozent der Fälle sind so dringend, dass sofort entschieden werden muss?

Dr. Andreas Fischer: Der geringere Anteil auf jeden Fall. Aber bei den Notfällen geht es um Leben und Tod. Das sind vielleicht eine kleine Prozentzahlen, aber es geht um Menschenleben.

Was bedeutet die Verlegung für einen Patienten?

Dr. Andreas Fischer: Ich halte das für einen großen Stress. Man soll in ein Krankenhaus und wartet dann in der Aufnahme. Sie werden untersucht und dann wird gesagt: Tut mir Leid, sie sind hier nicht richtig. Das halte ich für schwierig.

Gab es kein Gespräch zwischen den Hausärzten und der Klinikleitung?

Dr. Andreas Fischer: Nach unserem zweiten Brief ist jetzt ein gemeinsames Gespräch vorgeschlagen worden, was auch hoffentlich stattfinden wird.

Aus dem Hospital

Im Mai 2012 erklärte Dr. Angelika Mosch-Messerich auf NRZ-Fragen, dass die Notaufnahme in Kleve immer mit Assistenzärzten besetzt sei. Auch bei drohendem Blinddarmdurchbruch, Nierenkoliken oder Herzinsuffizienz sei Akut-Hilfe durch Notfallmediziner in Kleve gewährleistet. Ein System dazu werde gerade aufgebaut, so Mosch-Messerich.

Alle kinder-chirurgischen Eingriffe werden nach wie vor in Kleve vorgenommen, sagte die Chefärztin. Die Nachsorge übernehmen Kinderkrankenschwestern.

Dr. Volker Runde (Goch) betonte, dass bei 80 Prozent der Patienten der Krankenhausaufenthalt geplant sei (Darmkrebsbehandlungen oder Brust-OP).

Andreas Gebbink

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Kommentare
03.06.2012
16:08
„Kleve bietet keine Grundversorgung mehr“
von hgads | #1

Experten aus dem Gesundheitswesen bestätigen, dass Krankenhäuser in ländlichen Bereichen keine Überlebenschance haben, wenn sie sich nicht spezialisieren.Die KKiKK hat verstanden, dass es nur die Spezialisierung gibt um alle 4 Häuser im Verbund langfristig zu erhalten.Das diese Aufteilungen nicht jeden zufriedenstellen, liegt in der Natur der Sache.Jetzt versucht eine kleine Gruppe von Klever Ärzten eine Versorgungslücke zu suggerieren und den Klever Bürgern einzureden,dass die neue Krankenhausstruktur für Kleve fatale Folgen hat. Diese Polemik ist verabscheuungswürdig. Ängste zu schüren ohne klare Beweise, Zahlen oder Fakten entbehrt jeder Grundlage.Mein Appell :Machen sie sich kundig zum Thema Erhalt von Kliniken im ländlichen Bereich.Beschäftigen sie sich mit den bereits dazu veröffentlichten wissenschaftlichen Studien.Dort finden sie viele Sachargumente, die den jetzt eingeschlagenen Weg der KKiKK bestätigen.Und hören sie auf Angst und Schrecken in der Bevölkerung zu verbreiten.

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