Im Kreis Kleve fehlen Kinderärzte

Kinderarzt Dr. Wolfgang Brüninghaus aus Kleve untersucht ein Kleinkind in seiner Praxis.
Kinderarzt Dr. Wolfgang Brüninghaus aus Kleve untersucht ein Kleinkind in seiner Praxis.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Rein rechnerisch gibt es im Kreis Kleve genügend Kinderärzte. Weil die Realität aber anders aussieht, traf sich Elterninitiative mit Vertretern der KV Nordrhein

Würde es nach dem Gemeinsamen Bundesausschuss in Berlin gehen, dem die Kassenärztliche Vereinigung (KV) unterstellt ist, könnte man problemlos noch eine weitere der aktuell 17 Kinderarzt-Praxen im Kreis Kleve schließen. Zwar klingt dies für die betroffenen Eltern wohl wie höhnischer Zynismus, doch auf Basis der Planungsvorgaben, die in den 90er Jahren erstellt wurden, liegt Kleve bei der kinderärztlichen Versorgung gar bei stolzen 126 Prozent.

Die Realität sieht derweil ganz anders aus, weiß Katja Beermann von der Elterninitiative „Mehr Kinderärzte für den Kreis Kleve“, die sich Anfang des Jahres formiert hat. „Erst bei einer rein rechnerischen Unterversorgung von 50 Prozent dürfte die Kassenärztliche Vereinigung uns Hilfe anbieten. Das ist lächerlich“, ärgert sich die Mutter eines Sohnes. Junge Nachwuchs-Mediziner, so scheint es, zieht es nicht in ländliche Regionen wie den Niederrhein – in Großstädten und Ballungsräumen wie dem Ruhrgebiet kennt man diese Probleme kaum. Doch bei den Eltern regt sich Widerstand. Die Facebook-Gruppe der Initiative zählt nunmehr über 230 Mitglieder. „Wir haben seit Januar viel bewegt“, ist Katja Beermann überzeugt.

Doch noch nehmen Eltern im Kreis Kleve lange Anfahrtszeiten zu den umliegenden Praxen in Kauf oder weichen, falls möglich, auf einen Allgemeinmediziner aus. „Wenn eine Praxis schließt, erfahren die Eltern dies oft erst im letzten Moment, was das Problem weiter verschärft“, kritisiert die 28-Jährige. „Zum einen wollen die Praxen wahrscheinlich nicht im Vorfeld ihre Patienten verprellen, aber für die Menschen ist es natürlich wichtig zu wissen, was auf sie zukommt.“

Ein wesentliches Problem stellt auch die Altersstruktur der noch im Kreis aktiven Kinderärzte dar: Demnach sind sieben der 17 Pädiater bereits über 60 Jahre alt und treten bald in den Ruhestand. Ein Nachfolger für ihre Praxen ist zumeist nicht in Sicht.

Hoffnung machte nun eine Gesprächsrunde in Düsseldorf, den die Elterninitiative gemeinsam mit dem Landesvorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNO) anberaumt hatte. Der Klever Landrat Wolfgang Spreen (CDU) hatte das Treffen vermittelt und begleitete die Eltern zu dem Termin in die Landeshauptstadt.

Bernhard Brautmeier, stellvertretender Vorsitzender der KV Nordrhein, bekundete seine Solidarität mit den Eltern: „Wir verfolgen die kinderärztliche Versorgung im Kreis Kleve seit langem aufmerksam und nehmen die Sorgen sehr ernst“, so Brautmeier. Doch seien der KVNO aufgrund der Vorgaben aus Berlin die Hände gebunden. Dennoch wolle man weiter intensiv an Lösungsvorschlägen für die gegenwärtige Situation arbeiten. So wolle man etwa den medizinischen Nachwuchs gezielt beraten und für den Kreis Kleve als Standort für eine Niederlassung werben. Katja Beermann und ihre Mitstreiter zeigen sich von dem Treffen positiv überrascht – die Elterninitiative sei mit ihrem Anliegen auf offene Ohren gestoßen: „Wir gehen mit einem guten Gefühl aus dem Gespräch und werden in jedem Fall am Ball bleiben“, verspricht Beermann.

Weniger optimistisch zeigt sich da der Kinderarzt Wolfgang Brüninghaus. Gemeinsam mit der Elterninitiative engagiert sich der Mediziner für eine bessere kinderärztliche Versorgung in der Region und findet für die Linie des Gemeinsamen Bundesausschusses drastische Worte: „Die Kassenpatienten auf dem Land bezahlen für die gute Versorgung in den Städten. Das ist diskriminierend und ungerecht.“

Gerade für Kinder aus sozial schwachen Familien breche in der Region schnell die Versorgung weg, da ihre Eltern oft weniger mobil seien und, anders als die in der Elterninitiative organisierten Bürger, die Unterversorgung oft duldsam in Kauf nähmen. Brüninghaus: „Die Politik hat die Berechnungsgrundlagen seit den 90er Jahren nicht überarbeitet. Damit macht man die Kinder zu den Sparschweinen der Nation.“