Im Blickfeld der Opfer

Betretenes Schweigen in der Black Box an der Römerstraße.
Betretenes Schweigen in der Black Box an der Römerstraße.
Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
Die „BlackBox“ von Max Knippert und Ursula Meissner ist ein echtes Denkmal.Hier gehen einem die Kriege dieser Welt nahe

Kleve..  Das Mädchen hat sich extra hübsch angezogen für das Foto. Mit einem Anflug von Lächeln und Trotz schaut sie in die Kamera. Farbenfrohes Afrika, denkt man im ersten Moment. Dann, wenn man genauer hinschaut, stockt einem der Atem. Das Mädchen hat keine Hände mehr. Abgehackt hat man sie. Freetown, Sierra Leone. Die Mörderbanden sind amnestiert. „Aus den überfüllten Gefängnissen entlassen, kamen sie in Umerziehungslager und wurden mit UN-Geldern großzügig unterstützt“, ist zu lesen.

Ursula Meissner hat das Foto gemacht und noch viele andere in den zahllosen Kriegs- und Krisengebieten unserer Erde. Gemeinsam mit Max Knippert hat sie nun in Kleve ein Denkmal installiert, das dem Betrachter die Distanz entzieht. Nichts ist hier vergangen, vergessen oder weit, weit weg. Groß sind die Bilder in der „Blackbox“ auf dem ehemaligen Platz des Ehrenmals gegenüber vom Stein-Gymnasium. Manche drehen sich im Wind. Doch die Blicke der fotografierten Kriegsopfer lassen sich nicht so einfach aus dem Gedächtnis drehen. Nicht das Mädchen ohne Beine, nicht der Junge hinter dem Stacheldraht, nicht die beiden Knirpse, die im Staub hocken, hinter sich ein riesiges Graffiti mit einem Kalaschnikow-bewaffneten Krieger.

Am Anfang, vor der Einweihung, sind nur wenige Menschen im Inneren. Betretenes Schweigen, Blicke begegnen sich, in denen Entsetzen und Trauer liegt. Außen hat Knippert Zeitungsausschnitte aufgezogen, die an den Toten Krieger von Mataré erinnern, der für einige Jahre an dieser Stelle ruhte im Kontext nationalsozialistischer Machtentfaltung, ein paar Generationen ist es erst her. Der Umgang mit der Vergangenheit ist immer noch ein Problem, der Umgang mit der Gegenwart ist es nicht minder. Das ist hier mit Händen zu greifen. Und, so pathetisch es klingen mag: mit dem Herzen.

Dann kommen immer mehr Menschen ins Innere der Blackbox, irgendwann ist sie voller Leute, und, seltsam, am liebsten möchte man schreien, weil das alles überhaupt nicht mehr zueinander passt: diese Bilder an diesem Ort mit dieser Vergangenheit auf der einen Seite, auf der anderen das Geplauder über das Wetter, die freundlichen Gesichter der Eröffnungsbesucher, das Sehen- und Gesehen-Werden, die erklärenden Worte des Museumdirektors, also all diese Routinen, die dann doch wieder Distanz schaffen. Vielleicht sollte man solche Plätze nicht einweihen. Es genügt, dass sie einfach da sind.

Man kann sich die Blackbox anschauen, wann man will, sie ist tagsüber immer offen. Und man sollte sie sich anschauen, unbedingt. Wenn Denkmäler überhaupt einen Sinn haben, dann begreift man ihn hier.