Im Auge des Orkans

Susanne Figner wirkt als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Museum Kurhaus.
Susanne Figner wirkt als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Museum Kurhaus.
Foto: NRZ
Susanne Figner ist seit einigen Monaten wissenschaftliche Mitarbeiterin im Klever Museum Kurhaus. Sie stammt aus der Schweiz

Kleve..  Sehen ist nicht nur ein mechanischer und biochemischer Prozess. Sehen ist auch eine Wissenschaft, gar eine Kunst. Susanne Figner schaut ganz klar aus ihren dunklen Augen, fixiert den Gegenüber. Zwei Professionen hat sie, die mit dem Sehen zu tun haben. Die eine ist die Kunstgeschichte. Viele Ausstellungen besuchen, den Sinn für Qualität schärfen, genau hinschauen, die Wirkung erspüren – das ist Teil ihres Berufs. Die andere Profession hat eher mit dem Durchschauen als mit dem Anschauen zu tun. Es ist die Psychologie.

Susanne Figner hat Psychologie im Hauptfach studiert, in Zürich, sie hat danach sogar an der Uni unterrichtet. Noch während ihres Studiums merkte sie, dass ihr Nebenfach – Kunstgeschichte – sie doch noch stärker faszinierte. Mit ihrem damaligen Freund, ihrem heutigen Mann, zog sie nach New York und bewarb sich an drei Universitäten für ein Kunstgeschichte-Studium. „Das war eigentlich sehr naiv von mir“, sagt sie heute. Denn es ist überhaupt nicht ungewöhnlich, dass man sich in Amerika an hundert Universitäten bewirbt, um dann an einer genommen zu werden. Sie hatte auf drei Bewerbungen zwei Zusagen.

„Alles, was ich heute weiß, habe ich dort gelernt“, sagt sie. Das Umfeld: tolle Professoren, kleine Seminare mit gerade mal zwölf Studenten, eine extrem hohe Motivation, allein schon, um ein Stipendium zu bekommen, weil so ein Studium sonst gar nicht finanzierbar wäre. Von 40 Studenten, die mit ihr begonnen haben, sind am Ende zehn übrig geblieben. Dass Susanne Figner zugleich Psychologin ist, habe ihr sehr geholfen: „In der Psychologie muss man sehr strukturiert denken, man hat viel mit Statistik zu tun“, erklärt sie. Das kommt ihr zugute, wenn sie als Kunsthistorikerin eine These aufstellt und Argumente dafür finden muss.

Nach fünf Jahren lief das USA-Visum ab. Für die Abschlussprüfung in New York lernte sie bereits in Amsterdam, wohin sie mit ihrem Mann gezogen war. Drei Jahre pendelte sie anschließend nach Hannover, wo sie eine Stelle bei der Kestnergesellschaft in Hannover hatte. „Als Kuratorin ist man das Auge des Orkans“, beschreibt sie ihre Tätigkeit. Neben der wissenschaftlichen Arbeit muss man ein Team aus Mitarbeitern, Künstlern und Grafikern zusammenhalten.

Außerdem darf man sich nicht zu fein sein, auch mal einen Dübel in die Wand zu bohren, wenn Not am Mann ist. In Kleve ist sie nebenbei für die Sammlung zuständig und damit etwa für Leihanfragen, außerdem für die Presse.

Auf die Frage nach dem Projekt, an dem sie gerade arbeitet, gerät die Schweizerin sogleich ins Schwärmen. Im Januar 2016 wird sie eine Ausstellung mit Werken von Stephen Prina zeigen, der konzeptionell arbeitet, ohne auf Expressivität zu verzichten. Wie geht es in der Kunst weiter, nach alledem, was in den 70er und 80er Jahren passiert ist – diese Frage findet sie hochspannend. Und darum müsse es in der Museumslandschaft neben den abgesicherten, anerkannten Ausstellungen auch Raum für Experimente geben. „Das Schlimmste ist, wenn man als Betrachter gar nicht reagiert“, sagt sie. „Wenn Leute sich aufregen oder anfangen zu streiten, dann finde ich das gut.“