Im Atem die schönsten Töne
19.11.2007 | 14:16 Uhr 2007-11-19T14:16:00+0100Colla Voce. Vielleicht vorhandene Winterdepressionen einfach weggesungen und gespielt. Anja Speh und Gesine van der Grinten im Konzert. Stücke von Fanny Hensel, Clara Schumann und Alma Mahler.
„... und so bin ich mit meiner Musik so ziemlich allein.” In einem Brief von 1836 an Carl Klingemann, einem Freund von ihr und Bruder Felix Mendelssohn, beklagt sich Fanny Hensel, wie sehr sie unter mangelnder Beachtung und fehlende künstlerischer Betätigung leidet. Obwohl sie diese Missachtung in Depressionen trieb, komponierte Fanny Hensel bemerkenswerte Lieder der Romantik. Das zweite Herbstkonzert der Reihe „Colla Voce” im Museum Schloss Moyland stand unter dem guten Stern zweier heimischer Künstlerinnen, die stets großes Publikumsinteresse wecken. Anja Speh (Klavier) und Gesine van der Grinten (Sopran) bewältigten in der Matinee am Sonntagmorgen ein Programm mit Liedern und Klavierstücken von drei Komponistinnen. „Wie man nur noch in Tönen atmet” stellte Musik von Fanny Hensel, Clara Schumann und Alma Mahler vor. Als Überleitungen rezitierten die Künstlerinnen ausgewählten Texten aus Briefen und Tagebüchern der Komponistinnen. Dass Heinrich Heine nicht nur ein unbequemer Gesell war, sondern auch berührende Gedichte verfasste, ist besonders durch die Vertonungen von Fanny Hensel zu erleben. In höchsten Tönen sang Gesine van der Grinten das „Schwanenlied” aus „Sieben Lieder”, dessen Worte der ungeliebte Sohn der Deutschen 1822 niederschrieb. Überhaupt finden sich in den Liedern der drei Damen vom Klavier erstaunlich viele Texte Heines wieder.Infragestellungder TonalitätKomponierende Frauenzimmer gehörten im ausgehenden 19. Jahrhundert zu den suspekten Elementen, die im öffentlichen Musikleben nicht erwünscht waren. Clara Schumann ließ sich davon überhaupt nicht beeindrucken, sondern triumphierte mit vertonten Texten von Heine und Friedrich Rückert. „Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht”, in Heines Worten und wohlfeiler Mollstimmung schreitend, verkündet eine unerfüllte Liebe, die am Schmerz zerbricht. Alma Mahler strebte weg von der Romantik und näherte sich einer beginnenden Infragestellung der Tonalität. Als ihr Mann Gustav ihre Klasse erkannte, war es zu spät für eine große Karriere. Zum Abschluss der Matinee servierte das Duo vier von über 100 Liedern, von denen nur wenig erhaltenen geblieben sind. Der kühn-harmonische Gestus ihrer Musik erhielt durch Texte von Richard Dehmel oder Rainer Maria Rilke einen korrigierenden romantischen Touch.
0mitdiskutieren