Goethe ein Gedicht entlockt

Dieses Porträt Baron Karl Ludwig von Keverbergs zeigt der Bildband des Klever Stadtarchivs „Klevische Lebensbilder".
Dieses Porträt Baron Karl Ludwig von Keverbergs zeigt der Bildband des Klever Stadtarchivs „Klevische Lebensbilder".
Foto: privat
Was wir bereits wissen
Baron Karl Ludwig von Keverberg erwarb sich in Kleve Verdienste als Verehrer von Johanna Sebus und Begründer der Städtischen Singgemeinde

Kleve..  Dass die Städtische Singgemeinde am 26. April 2015 in St. Willibrord in Kellen die h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach aufführen kann, verdankt sie einer Entwicklung, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts einsetzte. Carl Friedrich Zelter, seit 1801 Direktor der Singakademie Berlin, war einer der Wiederentdecker der Werke Bachs. Er beschrieb die h-Moll-Messe als „das größte Kunstwerk, das die Welt je gesehen hat“. Die 1791 gegründete Berliner Singakademie war weltweit die erste gemischte Chorgemeinschaft und stand am Anfang einer bürgerlichen Musikkultur.

Nur wenig jünger war die „Gesellschaft der Freunde der Tonkunst“, der Vorläufer der heutigen „Städtischen Singgemeinde“, die 1809 in Kleve auf Initiative des damaligen Unterpräfekten des Arrondissements Kleve, Baron von Keverberg, entstand.

Keverberg wurde 1768 auf Haus Aldenghoor zu Haelen nordwestlich von Roermond geboren, das damals zum Deutschen Reich gehörte. Eigentlich hatte er eine Karriere in der preußischen Verwaltung angestrebt, aber nach der französischen Besetzung und der Annektion des linken Rheinlandes 1801 orientierte er sich um. Sein Bemühen um ein öffentliches Amt im französischen Staat war 1804 erfolgreich, als er Unterpräfekt des Arrondissements Kleve wurde.

Geprägt von den Ideen der Aufklärung, galt sein Bemühen, die „Wohlfahrt des Volkes zu fördern“ d.h. die Lebensbedingungen in seinem Verwaltungsbezirk zu verbessern. Seine vordringlichsten Aufgaben sah er in den Bereichen der Landwirtschaft, der Kommunalfinanzen, des Schulwesens und besonders der Armenfürsorge. Sein Wirken in Kleve wird durchweg positiv beurteilt, auch wenn viele seiner Pläne an Geldmangel scheiterten.

Ein einschneidendes Jahr war für ihn das Jahr 1809, als er nicht nur die „Singgemeinde“ begründete, sondern auch ein katastrophales Rheinhochwasser seine ganze Kraft beanspruchte. Für das Denken Keverbergs war typisch, dass er sich nun nicht nur um die Geschädigten kümmerte, Deiche reparieren und Wohnungen bauen ließ, sondern auch die Menschen ehrte, die die sich in dieser Extremsituation durch ihr Verhalten ausgezeichnet hatten. Unter den Hochwasserhelfern ragte für ihn eine Person besonders hervor: Johanna Sebus, die 17-jährige Tagelöhnerin, die beim Versuch die Mutter und die Nachbarsfamilie zu retten ertrunken war.

Für ihn war Johanna Sebus „eine junge, edle Heldin, ein Vorbild an Kindesliebe, Mut, Großherzigkeit und Schicksalsergebenheit kurz aller Tugenden, die beide Geschlechter auszeichnen“. Daher wollte er die Erinnerung an seine Heldin für ewige Zeiten sicherstellen. Keverberg regte Johann Wolfgang von Goethe zu seinem Gedicht über Johanna Sebus an. In der Vertonung von Carl Friedrich Zelter wurde dieses Gedicht an ihrem zweiten Todestag am 13. Januar 1811 von der „Gesellschaft der Freunde der Tonkunst“ mit ihrem Präsident Keverberg in Kleve aufgeführt.

Es gelang Keverberg auch, die französische Regierung dafür zu gewinnen, ein Denkmal am Alt­rhein zu errichten. Die feierliche Grundsteinlegung im Juni 1811 fand aber schon ohne Keverberg statt. Zu dieser Zeit war er bereits zum Präfekten des Départements Ems-Supérieur mit Sitz in Osnabrück befördert worden.

Nach dem Rückzug der Franzosen und seiner damit einhergehenden Entlassung musste er sich jedoch erneut umorientieren. Durch den Wiener Kongress kam Haelen als Teil der Provinz Limburg an das neugegründete Königreich der Niederlande und Keverberg bot schon im März 1815 dem niederländischen König seine Dienste an. Er wurde zunächst Gouverneur der Provinz Antwerpen, dann der Provinz Ostflandern mit Sitz in Gent. 1819 wurde Keverberg zum Staatsrat ernannt und übte dieses Amt bis zu seinem Tod 1841 aus.

Die Städtische Singgemeinde „entdeckte“ Bach übrigens erst nach dem Ersten Weltkrieg – anders als die Berliner Singakademie, die mit der legendären Aufführung der Matthäuspassion unter Felix Mendelssohn Bartholdy, einem Schüler Zelters, die Bach-Renaissance in großem Rahmen einleitete.