Geschichten lebendig machen

Theo Ghijsen führt durch das Kloster Graefenthal.
Theo Ghijsen führt durch das Kloster Graefenthal.
Foto: Andreas Daams
Was wir bereits wissen
Theo Ghijsen ist Stadtführer in Goch, Uedem und Weeze. Dem gebürtigen Niederländer liegt vor allem Kloster Graefenthal am Herzen.

Goch..  Als Theo Ghijsen 1988 nach Goch zog, suchte er vor allem eines: Ruhe. Tagsüber arbeitete er in seinem Geschäft im niederländischen Cuijk, wo er sich mit Orthopädie beschäftigte. Später zogen viele Niederländer ins deutsche Grenzland, weil hier die Häuser billiger waren. Ein Motiv, das Theo Ghijsen nicht ganz richtig findet: „Die Qualität von Leben hat doch damit zu tun, wo man wohnt.“ Deshalb war für ihn klar, dass er sich integrieren muss. Und wie geht das besser, als wenn man die Geschichte der neuen Heimat kennenlernt?

Geschichte hat Theo Ghijsen immer schon interessiert. Nun nahm er sich die Zeit, sich darin zu vertiefen. Und er stellte fest: Die Grenzregion, in der er wohnte und arbeitete, gehörte einst zu einem Herzogtum, zu Geldern. Damals dachte noch niemand in Kategorien wie Deutschland oder Niederlande. Die Grenzen verliefen stattdessen zwischen dem Herzog Kleve und dem Herzogtum Geldern. Ghijsen: „Die gemeinsame Geschichte freut mich immer besonders, wenn ich Niederländer etwa durch Goch führe.“

2003 begann Theo Ghijsen mit den Führungen. Der damalige Gocher Kulturchef Helmut Lintzen, ein Fahrradfreund von Ghijsen, hatte ihn dazu animiert. Eine gute Idee, fand Ghijsen, und besuchte daraufhin verschiedene Fortbildungskurse. Seit er Rentner ist, räumt er den Führungen noch mehr Raum ein. Auch Uedem und Weeze bringt er Einheimischen und auswärtigen Gästen nahe.

Besonders angetan hat es ihm natürlich Kloster Graefenthal. So ist es auch kein Wunder, dass man ihn genau hier, im schmucken Café, für das Interview antrifft. Graefenthal war die Grablege der Gelderner Herzoge. Wenn man einen Kulminationspunkt der niederrheinischen Geschichte sucht, dann ist dieser Ort genau richtig gewählt. Einmal führte er eine Gruppe von ehemaligen Gaesdonck-Schülern durch die alten Gemäuer, auch zwei Bischöfe waren dabei. „Ich habe vorher die Jahreszahlen nochmal gründlich gepaukt, weil ich dachte, die seien alle sehr ernst“, erzählt er. Aber so war es gar nicht. Heiter und locker sei die Führung gewesen. Was zeigt: Der wichtigste Aspekt neben Sachkenntnis ist Psychologie. „Das habe ich ja schon in meinem Beruf gelernt“, lacht Ghijsen. Wie ist die Gruppe beschaffen? Was mag sie interessieren? Und wie begeistert man sie für Geschichte?

Begeisterung vermitteln

Am besten, so zeigt sich an Ghijsen: Wenn man selbst begeistert ist. Nebenbei ist er auch noch begeisterter Radfahrer, Kultur-Radfahrer, um genauer zu sein. Einmal ist er nach Santiago de Compostela geradelt, jeden Tag mehr als 100 Kilometer, mehr Zeit hatte er nicht. Dass er so viele spannende Städte, Kirchen und Klöster links liegen lassen musste, ärgerte ihn so sehr, dass er noch weitere vier Male mit dem Fahrrad dorthin gefahren ist. Jedes Mal andere Wege. Jedes Mal neue Entdeckungen. Und: mit mehr Zeit. Inzwischen haben manche Bekannte schon scherzhaft gefragt, ob er denn nicht mal Rad-Führungen nach Santiago anbieten wollen. Bei Ghijsens Begeisterung für das, was er tut, wäre es nicht verwunderlich, wenn aus dem Scherz auch mal Ernst würde. Es könnte sich lohnen.