Gefangenenbefreiung: Wer kannte den Arzttermin?

Straßen und Sträßchen entlang der Grünen Grenze waren Donnerstag abgesperrt worden – hier Brücke am Boekelter Weg.
Straßen und Sträßchen entlang der Grünen Grenze waren Donnerstag abgesperrt worden – hier Brücke am Boekelter Weg.
Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
Straftäter und Komplizin weiter auf der Flucht. Eine Gefangenenbefreiung mit Waffengewalt hat es in der Landesklinik Bedburg-Hau zuvor noch nie gegeben.

Kreis Kleve.. Das hat es in Bedburg-Haus Klinik noch nie gegeben: Gefangenenbefreiung mit Waffengewalt. Das bestätigt die Pressesprecherin beim Landschaftsverband Rheinland (LVR), Karin Knöbelspies. „In den letzten 30 bis 40 Jahren gab es auch keinen Anlass, die Sicherheit bei Terminen außerhalb des Klinikgeländes zu verschärfen.“ Doch jetzt werde natürlich das Sicherheitskonzept beim LVR überprüft.

Der entflohene und befreite 27jährige Türke Sirat A. war doppelt gesichert mit Hand- und Fußfesseln zum Doktor gefahren worden. Karin Knöbelspies widerspricht dem Gerücht, der Arzttermin sei seit Tagen bekannt gewesen.

Elf Ausbrüche

Ates habe vielmehr bis kurz vor der Abfahrt mit zwei begleitenden Pflegern nicht gewusst, wann, geschweige denn, wohin er zum Arzt gebracht werden sollte. „Das erfahren die Patienten erst unmittelbar vorher.“ Ob ein Mit-Patient per Anruf den Termin verriet – das heraus zu finden, ist Sache der Ermittler. Woher die Komplizin, die Albanerin Nadia L., die Adresse wusste? „Es gibt nicht so viele HNO-Ärzte in Kleve“, rückschließt Knöbelspies nüchtern.

Handys besitzen die Patienten jedenfalls nicht, dürfen aber das Stationstelefon bedienen. „Es gab vorher kein Anzeichen, dass der 27-Jährige sich absetzen wollte“, sagt Karin Knöbelspies.

Die meisten ärztlichen Behandlungen sind auf dem Klinikgelände selbst möglich – eine Zahnarztpraxis etwa ist dort eingerichtet, ein Arzt kommt ein mal pro Woche dorthin. Vor besonderen Arztbesuchen außerhalb – in diesem Falle Hals-Nasen-Ohren-Arzt – werde erst genau geprüft, ob sie notwendig sind.

Insgesamt gab es elf Ausbrüche aus der Klinik Bedburg-Hau. Dr. Jack Kreutz, Fachbereichsleiter Forensik, bestätigt, dass in seinen 25 Dienstjahren nur einmal, aber eben nicht in Bedburg-Hau, eine gewaltsame Gefangenenbefreiung gelungen sei.

Wie geht es den Pflegern, die von der Komplizin des Straftäters mit einer Schusswaffe bedroht worden waren, damit sie den 27-Jährigen Mann von seinen Fesseln befreiten? Dr. Kreutz verweist darauf, dass dem LVR-Personal stehen standardmäßig nach Angriffen auch in der Klinik oder nach Suizid-Fällen Traumatherapeuten zur Verfügung, je nach Wunsch entweder neutrale niedergelassene Therapeuten oder Kollegen in Bedburg-Hau, in Krefeld oder Essen. Doch die Folgen von Gewalttaten wirkten oft erst Tage später nach.

Bisher fehlt noch jede Spur von dem entflohenen verurteilten Räuber aus dem Ruhrgebiet, der seit November sechseinhalb Jahre Haft abzusitzen hatte. Wegen seiner Drogenabhängigkeit hatte man ihn der Forensik in Bedburg-Hau zugewiesen. A. und L. hatten – wie berichtet – für ihre Flucht ein Auto gestohlen. Sie hatten dem Fahrer eines VW-Golf die Waffe vors Gesicht gehalten, ihn vom Sitz gezerrt und waren Richtung Goch davon gerast. In Goch-Hommersum bauten sie einen Unfall, bestätigt die Polizei nach ersten Untersuchungen. Das Auto kam wohl wegen hoher Geschwindigkeit in einer Kurve von der Straße ab und rutschte ab in die Hecke. Es wäre zwar technisch noch betriebsbereit gewesen, aber ließ sich nicht ohne weiteres im Rückwärtsgang heraus setzen. Zeugen hatten beobachtet, wie die beiden Insassen zu Fuß flohen, antwortet Polizeisprecherin Manuela Schmickler der NRZ. Also hier jedenfalls wartete kein zweites Fluchtauto. Obwohl es Hinweise aus der Gocher Bevölkerung gab, blieb die Suche zu Fuß, mit Hundestaffel und Hubschrauber im Bereich nahe der niederländischen Grenze und nahe der Autobahn ergebnislos.

Ein Sondereinsatzkommando (SEK) hatte Häuser und Scheunen in Hommersum durchsucht, manche Tür ging dabei zu Bruch.

Das gesuchte Pärchen ist europaweit zur Fahnung mit sofortiger Festnahme ausgeschrieben, die Nachricht wird auch per Internet verbreitet. „Der Verdacht ist naheliegend, dass sie nicht mehr bei uns im Kreis Kleve sind“, sagt Manuela Schmickler.