Gänsegeier mögen den Niederrhein

Gänsegeier werden verstärkt am Niederrhein beobachtet.
Gänsegeier werden verstärkt am Niederrhein beobachtet.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
In Deutschland und auch in den Niederlanden wurde ein massiver Einflug von Gänsegeiern beobachtet. Ein außergewöhnliches und spektakuläres Naturereignis

Kleve..  Mannometer, was waren das für heiße Tage in der letzten Woche. Extrem warme Winde und Temperaturen über 30°C - kaum auszuhalten. Fast so warm wie in der Wüste. Und passend dazu gab es auch Besuch von Wüstenbewohnern: In Deutschland und auch in den Niederlanden wurde ein massiver Einflug von Gänsegeiern beobachtet. Ein ganz außergewöhnliches und spektakuläres Naturereignis.

Zuerst hatte mir mein Kollege, der Ornithologe Jonas Linke, am Mittwoch davon erzählt. In Bayern, Baden-Württemberg und sogar in Hessen waren Gänsegeier beobachtet worden. Insgesamt so um die 70 Vögel! Was meinen Sie, wie oft ich an den Tagen darauf den Himmel abgesucht habe. Ich bekam aber nur Mäusebussarde und immerhin einen Rotmilan zu sehen. In der Zwischenzeit häuften sich die Beobachtungen, auch zum Beispiel in den Niederlanden. Auf der Website „waarneming.nl“ gibt es übrigens auch eine Menge von Beobachtungen mit Bildern. Einige Geier sollen auf niederländischer Seite in der Nähe von Weeze beobachtet worden sein. Mensch, die hätten doch auch noch einen Abstecher über Kleve machen können, oder? Ich habe an den Tagen immer wieder Segelflieger über mir kreisen sehen - dann kann die Thermik ja wohl nicht allzu schlecht sein.

Wie kommt es zu solchen Einflügen? Gänsegeier sind normalerweise sehr standorttreu, bleiben zeitlebens verpaart und halten sich eigentlich ganzjährig in der Nähe ihre Nistplätze auf - oft sind das steile Felswände mit offenen Nischen, Gegenden die warm und trocken sind und eine gute Thermik bieten. So leben von ca. 25.000 Gänsegeiern über 22.000 allein in Spanien. Von dort kommen wohl auch die Tiere, die bei uns beobachtet werden konnten. Wissenschaftler wissen aus anderen Einflügen, dass es sich dabei fast ausschließlich um Jungvögel auf so genannten Dispersionsflügen handelt, Erkundungsflüge, bei denen die Junggeier meist so im zweiten bis vierte Lebensjahr, neue Brutgebiete erschließen.

Bei guter Witterung, Hochdruckeinfluss und Rückenwind legen die Vögel durchaus viele hundert Kilometer zurück. Ich habe leider keine Ahnung, wie es den Vögeln ergeht, wenn sie dann keine geeigneten Brutgebiete und vor allem keine Nahrung finden. Der Weg zurück muss extrem mühsam sein.

Außerdem gibt es in unserer Landschaft für die Geier nicht viel zu holen, denn Kadaver von verendetem Vieh werden in aller Regel schnell geborgen. In Spanien und auch in den erfolgreichen Erhaltungsprojekten in Frankreich und Italien stützt man die Geierbestände durch das Ausbringen von Tierkadavern. Früher waren Geier viel weiter verbreitet als heute. Wanderschäfer oder Waldweidewirtschaft mit vielen Haustieren, die in der Landschaft gehalten wurden - und ebendort auch manchmal verendeten- gaben den Gänsegeiern Nahrung. So gab es im Mittelalter beispielsweise noch Vorkommen im Rheingebiet zwischen Worms und Trier.

Und eben dieser Tage wieder einmal die Gelegenheit diese seltenen und faszinierenden Großvögel zu beobachten. Es braucht dabei aber auch ein bisschen Glück, das ich bisher noch nicht hatte. Also: Augen auf beim nächsten Spaziergang oder auch beim Sonnenbad.