Für jedes Junge ein Futterloch

Natur pur Kleiber füttert seine drei Jungvögel
Natur pur Kleiber füttert seine drei Jungvögel
Foto: Andreas Barkow
Was wir bereits wissen
Kleiber zieht seine Brut im Meisenvogelkasten groß – hoffentlich nicht zu groß, dass die Jungvögel noch ’raus können.

Kranenburg..  Hinter unserem Haus verläuft ein Waldrand. Weil bei unserem Einzug größere Bäume im Garten fehlten, habe ich an zwei Eichen am Waldrand in Sichtweite unseres Gartens zwei Nistkästen aufgehängt. Einer mit einem Einflugloch mit 32 mm Durchmesser, also etwa für Kohlmeisen. Ein zweiter Kasten hat drei Einfluglöcher, die aber nur 26 mm Durchmesser haben. Das genügt für die kleinere Blaumeise. Dieser Kasten bietet mehr Grundfläche und durch die drei Löcher mehr Licht in der Höhle.

Seit etwa fünf Jahren spielt sich im ausgehenden Winter und Frühling fast immer dasselbe Schauspiel ab. Kräftige und durchsetzungsfähige Kleiber vertreiben die Kohlmeisen, die gerne in den 32 mm Kasten einziehen wollen und besetzen -- den Nistkasten mit den drei kleinen Löchern! Es sieht total witzig aus, wie sich die Kleiber anfangs durch das enge Loch zwängen. Aber die lichte Behausung mit dem großzügigen Wohnraum scheint für sie eindeutig die bevorzugte Wahl zu sein.

Normalerweise sind Kleiber dafür bekannt, geräumige Höhlen im Laubwald zu beziehen, die vorher von Spechten gemeißelt worden sind. Die großen Spechtlöcher mörtelt das Weibchen dann mit Lehm, Erde und Tierkot soweit zu, dass eben gerade Kleiber noch hindurch passen. Das ist bei den Mikro-Löchern absolut nicht nötig. Im Gegenteil, in den ersten Jahren hatte ich die Sorge, dass die gut gefütterten Jungvögel am Ende nicht aus dem Kasten ausfliegen können.

Diese Sorge ist nicht unbegründet. Viele Tiereltern füttern ihre Kinder so gut, dass diese später schwerer werden, als sie es selbst sind. Und Kleiber sind nun einmal größer und kräftiger als Blaumeisen. Aber die Jungkleiber haben es bisher immer geschafft.

Und so auch in diesem Jahr. Kleibertypisch sind die Jungvögel Ende Mai ausgeflogen. Davon wurden sie über drei Wochen, meist so um die 25 Tage lang, von beiden Eltern von Tagesbeginn bis kurz vor Sonnenuntergang gefüttert. Dazu tragen die Altvögel allerlei Insekten, deren Larven und Puppen und viele Spinnen in die Nisthöhle. Dafür suchen sie die Baumstämme, Äste, Zweige und Blätter nach Futter ab und machen dabei die witzigsten Verrenkungen. Kleiber sind die einzigen europäischen Vögel, die in der Lage sind, einen Baumstamm auch mit dem Kopf voran herunter zu klettern. Sie „kleben“ förmlich am Stamm. Das ist möglich, weil sie zwei Zehen nach vorne und zwei nach hinten ausrichten können und dabei die Füßchen versetzt im Stamm verankern. Ein Fuß hält, der andere stützt.

Kurz vor dem Ausfliegen kommen die Jungvögel dann immer öfter laut bettelnd an die Einfluglöcher. Hier ist die große Nisthöhle mit den drei Einfluglöchern an unserem Waldrand ein echter Vorteil, weil sich immer gleich drei hungrige Schnäbel den ankommenden Eltern entgegen recken können.

Nach dem Ausfliegen werden die jungen Kleiber, die sofort fliegen und auch schon gut klettern können, noch zwei Wochen von den Eltern betreut. Bald wird sich der Familienverband auflösen. Dann wird sich auch das Weibchen wieder öfter an der Höhle zeigen und anfangen, das alte Nistmaterial auszutragen. Weil Kleiber sehr reviertreu und auch partnertreu sind, besteht gute Hoffnung, dass der Nistkasten auch im nächsten Jahr wieder von diesem Pärchen bezogen wird.