Für die sinnliche Gestaltung

Kleve..  Herr, deine Zeugnisse sind wunderbar; darum hält sie meine Seele. So beginnt eine Motette von Johannes de Cleve. Natürlich auf Latein: Mirabilia testimonia tua, Domine. Ein Ton, um den sich innerhalb weniger Sekunden ein ganzes Geflecht musikalischer Linien ausbreitet, bis schließlich alle Silben des Wortes gleichzeitig erklingen. Außerdem ein ausdrucksstarkes Spiel mit der Entstehung und Auflösung von Dissonanzen. Wunderbar.

Johannes de Cleve ist 1528 oder 1529 in Kleve zur Welt gekommen. Also nur wenige Jahre vor Orlando di Lasso, einem der größten Komponisten jener Zeit. Mag sein, dass er mit der Malerfamilie van Cleve verwandt war - Joos van Cleve etwa wurde in Antwerpen berühmt. Johannes de Cleve muss jedenfalls als Chorknabe oder zu Studienzwecken in den Niederlanden gewesen sein, denn sein späterer Arbeitgeber in Wien beauftragte aus guten Gründen ihn und keinen anderen damit, Sänger in den Niederlanden anzuwerben. Dieser Arbeitgeber war übrigens kein geringerer als Kaiser Ferdinand I. In dessen Hofkapelle wirkte Johannes als Tenorsänger.

Komponieren gehörtezum guten Ton

Musiker zu sein, war damals in mancher Hinsicht anspruchsvoller als heute. Komponieren gehörte sozusagen zum guten Ton. Und auch Johannes de Cleve bewies hierin viel Geschick. In der Ferne sein Glück zu machen, war ebenfalls normal. Orlando di Lasso, geborener Niederländer, war in England und Italien, bevor er in München zu Ruhm kam. Man musste schon dorthin gehen, wo die Musik spielte, um sie zu hören und um sich verschiedene Stile und Techniken anzueignen.

Johannes de Cleve wurde nach dem Tod des Kaisers Hofkapellmeister bei dessen Sohn Erzherzog Karl II. in Graz. Er komponierte fast nur geistliche Werke, ausnahmslos für mehrstimmige Chöre ohne Instrumentalbegleitung. Die Herausforderung bestand darin, einerseits die Textverständlichkeit zu garantieren, andererseits in der Mehrstimmigkeit den Text musikalisch auszudeuten, ihm also eine sinnlichere Gestalt zu verleihen. Bei Johannes de Cleve spürt man stärker als bei Orlando di Lasso die alte niederländische Schule der Vokalpolyphonie, er hält sozusagen die Tradition hoch. Ein Neuerer war er auf anderem Gebiet: eine Sammlung vierstimmiger Sätze aus seiner Feder sind die ersten Noten, die man in der Steiermark gedruckt hat.

Über sein Leben ist außer einigen Rahmendaten ansonsten kaum etwas bekannt. Er war wohl verheiratet, 1570 ging er in den Ruhestand - keine Selbstverständlichkeit damals, dass man im Ruhestand eine lebenslange Pension seines Dienstherrn erhielt. Das spricht für sein Ansehen bei Hofe. Er lebte noch einige Jahre in Wien, dann in Augsburg, und komponierte noch für einige hochstehende Persönlichkeiten Motetten. 1582 starb er in Augsburg.

Stücke auf CD erhältlich

Man findet Werke von Johannes de Cleve durchaus heute noch in Konzertprogrammen von Chören und Gesangensembles. Einige seiner Stücke sind sogar auf CD erhältlich. Dass er nicht bekannter ist, liegt an einer ganz simplen Tatsache. Es gab in der Renaissance zahlreiche exzellente Komponisten, aber selbst ein gebildeter Klassik-Hörer hat in seinem Kopf nur Platz für wenige. So bleibt Johannes de Cleve ein Fall für Spezialisten mit Sinn für wunderbare Kirchenmusik.