Friedrich Gorissen – Kämpfer gegen das Kleingeistige

Friedrich Gorissen, Klever Stadtarchivar
Friedrich Gorissen, Klever Stadtarchivar
Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
Friedrich Gorissen war so etwas wie der Schrittmacher des kulturellen Kleve in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Kleve..  Um Friedrich Gorissen soll es hier also gehen. Das ist eigentlich eine einfache Aufgabe, denn man bräuchte einfach nur all seine Verdienste aufzählen – seine Bücher und etwa 800 sonstigen Publikationen, den Aufbau des Stadtarchivs, des Koekkoek-Hauses, seinen historisch und kunsthistorisch profunden Blick auf die Kleinstadt am linken unteren Niederrhein, eingebettet in weltgeschichtliche Zusammenhänge. Das alles könnte man nun noch etwas detaillierter darstellen und im großen Festakt münden lassen, den die Stadt Kleve seinem bedeutenden Sohn 2012 ausgerichtet hat, zum 100. Geburtstag. Fertig wäre die Lobeshymne, man dürfte getrost umblättern und alles gleich wieder vergessen.

Leise Ohrfeigen

Andererseits ist die Sache eben nicht ganz so einfach. Ist ein Mensch etwa nur die Summe seiner Verdienste? Wohl kaum. Den Festakt gab es ja auch erst 19 Jahre nach seinem Tod, da konnte man ganz sicher sein, dass er nicht irgendwo um die Ecke kommt und den anwesenden politischen und sonstigen Funktionsträgern die Zunge herausstreckt. So etwas scheint er ganz gerne gemacht zu haben. Vor seinem Intellekt fand das Kleingeistige keine Gnade, und davon gab es hier reichlich.

Aber ist die Vergangenheitsform an dieser Stelle richtig gewählt? Guido de Werd, Gorissens Nachfolger als Museumsdirektor, nahm beim erwähnten Festakt Bezug auf dessen Stadtgeschichte mit dem Untertitel „Von der Residenz- zur Bürgerstadt“. Die endet in Gorissens Geburtsjahr 1912, und de Werd stellte sich nun vor, Gorissen hätte auch eine Geschichte der darauf folgenden 100 Jahre geschrieben: „Er würde sie wohl ‘Von der Bürgerstadt zur Kleinbürgerstadt’ betitelt haben“, so de Werd. Es gibt Ohrfeigen, die weniger laut knallen.

Klar, dass die Verwaltung mit all ihren Regeln und geordneten Abläufen mit einem wie Gorissen nicht gut klarkam. Eine Festanstellung verwehrte man ihm, später gab es einen Prozess um seine Pension. Unschön das alles. Mit seiner undiplomatischen Art machte er es den anderen wohl auch nicht leicht. Viele ältere Klever erinnern sich noch gut an ihn, es kursieren auch etliche Anekdoten vom immer wiederkehrenden Kampf der Halsstarrigkeit gegen die Ignoranz. Nicht immer in diesen Anekdoten ist er der Sympathieträger. Auch das gehört zur Wahrheit.

Immerhin bekam er ein Jahr vor seinem Tod noch den städtischen Johann-Moritz-Kulturpreis. Und was ihn bestimmt freuen würde: Noch heute zitieren ihn Studenten in ihren Arbeiten.

Gelebt hat er für die Geschichte großer Vergangenheiten, doch geprägt hat ihn die Geschichte seiner Zeit, der Krieg. Er floh aus russischer Kriegsgefangenschaft, las seine eigene Todesanzeige, als er nach Kleve zurückkehrte. Seine Frau und die sechs Kinder brachte er drei Jahre lang damit durch, aus Patronenhülsen Teller zu fertigen und zu verkaufen. Weil seine Doktorarbeit im Krieg verloren gegangen war, schrieb er halt eine neue. Nach alledem hatte er wohl keine Lust mehr, höflich und diplomatisch zu sein.

Glänzender Redner

Heute fehlt jemand wie er. Er konnte glänzend formulieren, und es wäre bestimmt interessant gewesen, was er zu so mancher Bautätigkeit in der Schwanenstadt gesagt hätte. Bewirkt hätte das vermutlich nichts. Höchstens, dass die Bagger danach doppelt so schnell anrollen.