Fremd mit Schulpflicht

Foto: Astrid Hoyer-Holderberg
Was wir bereits wissen
Ab Februar mehr Lehrpersonal für Deutschunterricht. Ausländische Kinder besuchen nur in größeren Städten „Seiteneinsteiger-Klassen“

Kreis Kleve.. Zumindest für die älteren Flüchtingskinder, die den Städten Kleve, Goch und Emmerich zugewiesen wurden, gibt es spezielle sprachliche Unterstützung, um sie an der Bildung teilhaben zu lassen. „Seiteneinsteiger-Klassen“ an weiterführenden Schulen: Konrad-Adenauer-Gymnasium Kleve, Willibrord-Gymnasium Emmerich, auf freiwilliger Basis an Real- und Hauptschule Goch und ab Februar offizell eine Seiteneinsteigerklasse an der Hauptschule St. Martin Pfalzdorf. 18 Kinder ohne jede Deutschkenntnisse bilden dort je eine Lerngruppe – unterwiesen von einer halben Lehrerstelle fürs Fach „Deutsch als Zweitsprache“. Die Kinder kommen aus aller Herren Länder. Die Roma unter ihnen sind zudem oftmals Analphabeten. Was, wenn nach einigen Monaten ihr Asylantrag abgelehnt und sie ausgewiesen werden? „Dann hat ihnen die Schulung in Deutschland trotzdem gut getan“, ist Schulrätin Birgit Pontzen überzeugt.

Kleine Kommunen außen vor

Sie übernimmt die Koordination beim Schulamt des Kreises. Das Land habe die Personalzuweisung ab 2. Februar deutlich aufgestockt, um den geflüchteten Kindern aus Kriegs- und Krisengebieten zu helfen. „Ab Sommer sind wir wesentlich besser aufgestellt“, freut sich Pontzen und hat entsprechende Anträge auf Vergrößerung der Lerngruppen und mehr Personal gestellt. „Ich finde, das ging recht schnell, dass die Problematik innerhalb eines Jahres gelöst werden kann“, so Pontzen.

Kleve habe im NRW-Vergleich immer noch den günstigen sozialen Index, sagt sie, die jahrelang mit der Integration von Ausländer- und behinderten Kindern in Duisburg arbeitete, bevor man sie – damals gegen ihren Willen – als Lehrerin in Kleve einstellte. Sie blieb, wurde Schulleiterin, jetzt Schulrätin und bringt Erfahrungen aus allen Lebensstationen ein. Sich fremd zu fühlen, auch das kennt Pontzen aus eigener leidvoller Erfahrung – als sie als sechsjähriges Kind nach vier Jahren Amerika in deutsche Schulen kam, „bekam ich eben keinen Joghurt, weil ich nicht wusste, dass ‘spoon’ Löffel heißt“, erinnert sie sich. „Das war Ausgrenzung. Das ist zum Glück heute anders“.

Egal, wann die Flüchtlinge mitten im Schuljahr hier ankommen, werden ihnen in den Seiteneinsteigerklassen grundlegende Begriffe beigebracht und sie dann weiter geschult nach Europäischem Referenzrahmen, „bei Stufe A können sie ‘Guten Tag’ sagen“, sei so ungefähr die Lernstufe laut Pontzen, bei Lernniveau C können sie selbstständig einen kleinen Aufsatz in Deutsch schreiben. Was aber nicht heiße, dass sie dem Unterricht in allen Fächern schon fließend folgen können.

Die Kinder aus den kleineren Kommunen allerdings haben keine Chance auf Seiteneinsteiger-Anschub, es sei denn, sie fahren eigenständig in öffentlichen Bussen morgens früh in die Nachbarstädte. Sie sitzen bisher ohne Deutschkenntnisse in örtlichen Klassen.

„Die Schulen müssen das alles leisten“, ist Birgit Pontzen mitfühlend. An den Grundschulen werden grundsätzlich alle Asylbewerber-Kinder in den Unterricht integriert und erhalten alle zusätzlich „DaZ“ – Deutsch als Zweitsprache. „Kinder lernen sehr schnell, auch von Mitschülern“, so die Schulrätin. Von Lehrern wird individuelle Förderung erwartet.

Nur qualifizierte Deutschlehrer geben den Sprachunterricht. Um das in der Stundentafel unterzubringen, haben manche Schulen sogar die „nullte Stunde“ vor dem Unterricht eingeführt oder lehren während der Zeit des Offenen Ganztags.

Im ganzen Kreis Kleve werden 760 Flüchtlingskinder ohne oder mit minimalen Deutschkenntnissen aufgenommen (145 ältere verstehen „null Deutsch“, 132 sind Grundschüler). 1070 Kinder besuchen die Aufbau-Lerngruppen der Stufen „B“ und „C“.

Insgesamt gibt es 32 000 deutsche und ausländische Schüler im Kreis Kleve, 11 000 an Grundschulen, 1300 an Förderschulen, 3300 an Haupt-, 900 in Sekundar-, 5600 an Real-, 2000 an Gesamtschulen und 8000 an Gymnasien.