Fensterfronten und Frauenkörper

Die Mitglieder des Fotoforums Goch.
Die Mitglieder des Fotoforums Goch.
Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
Das Fotoforum Goch stellt 130 hochwertige Fotografien in der Liebfrauenkirche aus. Sie belegen eindrucksvoll: Fotografie ist auch im Zeitalter des Smartphones eine Kunst

Goch..  Die Haare sind grau geworden, die Beine schwer und die Augen schlecht. Das alte Ehepaar sitzt in der Waschküche, der Gesichtsausdruck von Mann und Frau ist irgendwo zwischen Scham und Stolz angesiedelt. In der Mitte halten die beiden ein großes Foto. Ein Schwarz-Weiß-Foto. Ihr Hochzeitsbild.

Bilder können Geschichten erzählen, die ein ganzes Leben umfassen oder ein ganzes Land. Sie können aber auch den Schönheitssinn ansprechen, die Saite im Inneren des Betrachters zum Klingen bringen. Oder das Alltägliche in ein ganz neues Licht rücken. Oder etwas so deutlich zeigen, wie man es nie zuvor gesehen hat. Fotografie ist eine Kunst, was man leicht vergisst in Zeiten, in denen die Menschen wie von Sinnen bei jeder Gelegenheit ihr Smartphone zücken. Das Fotoforum Goch, bestehend aus elf Männern und Frauen, hat sich 2010 zusammengefunden, um die Fotokunst in ihrer Heimatstadt hochzuhalten. Erstes Ergebnis war eine Ausstellung in der Liebfrauenkirche vor drei Jahren. Jetzt gibt es eine Neuauflage. Und die verdient das Adjektiv: beeindruckend.

Richtig hinschauen

„Wir wollen, dass Leute innehalten, um die Facetten eines Bildes genau zu betrachten“, umreißt Clubpräsident Theo Drießen das Programm. Ein Thema haben sie sich nicht gesetzt für die Ausstellung. Jeder sollte das machen, was er am besten kann. Einmal im Monat besprechen sie Bilder und Themen, lassen ihre Arbeit von den Kollegen kritisieren, holen sich neue Ideen und technisches Know-How. „Jetzt wollen wir mit Besuchern ins Gespräch kommen“, sagt Fotoforum-Mitglied Werner Mölder. Schließlich nutzt das tollste Foto nicht, wenn niemand es zu Gesicht bekommt.

Und so freute sich die stellvertretende Bürgermeisterin Gabi Theissen bei der Ausstellungseröffnung über die vielen unterschiedlichen Motive. „Fotografie zeigt uns, was wir sehen können, wenn wir genau hinschauen“, sagte sie. Genau hinschauen kann zum Beispiel von hoch oben, vom Flugzeug aus. Ein Stück Goch im Winter mit angrenzenden schneebestäubten Feldern, atemberaubend schön. Genau hinschauen kann man auch, wenn man ganz nah rangeht. An eine Fliege, die an einem Blütenstängel hochkrabbelt, an zwei Käfer beim Geschlechtsakt. Und genau hinschauen muss man, um das Ungleichzeitige der Wirklichkeit, das Absurde, im Bruchteil einer Sekunde festzuhalten: Wenn etwa ein uralter roter Imbisswagen vor einem Bauzaun steht, hinter dem sich schmucke Barockfassaden emporrecken.

Zahlreiche solcher Entdeckungen kann man in der Liebfrauenkirche machen: Von Pilzkolonien über Fensterfronten bis hin zu Frauenkörpern und amerikanischen Angelgeschäften. Fotografie ist ja auch ein Spiel mit der Zeit, das wird beim Betrachten klar. Zeit nehmen für einen Besuch lohnt sich auf alle Fälle.

Geöffnet ist die Liebfrauenkirche noch am heutigen Samstag von 14 bis 18 Uhr und Sonntag von 11 bis 17 Uhr.