Das aktuelle Wetter Kleve & Region 21°C
Geschichte

„Eine neue Stufe der Erinnerung”

28.01.2009 | 00:20 Uhr

2832 Patienten der Rheinischen Kliniken wurden Opfer der NS-„Euthanasie”. Gedenkfeier mit Ausstellung.

621 Namen stehen in dem Gedenkbuch, das seit gestern im Psychiatriemuseum der Rheinischen Kliniken ausliegt. In mühsamer Recherchearbeit hat Mitarbeiterin Franziska Poppe die Namen ein Jahr lang zusammengetragen. Die verschiedenen Geburtstage und -orte stehen daneben. Das Schicksal aller 621 Menschen ist indes dasselbe: Sie wurden ermordet, die meisten in Grafeneck. Alle sind sie Opfer der NS-„Euthanasie”. Insgesamt wurden 2832 Patienten im März 1940 aus Bedburg-Hau abtransportiert, so Klinikdirektorin Marie Brill: Die meisten noch am selben Tag im baden-württembergischen Grafeneck ermordet.

An das Grauen wurde gestern, am weltweiten Holocaust-Gedenktag, mit der Eröffnung einer Wanderausstellung zum Krankenmord während des Nationalsozialismus im Psychiatriemuseum erinnert. Überdies legten Bürgermeister Peter Driessen und Stephan Laar, Verwaltungsleiter der Klinik, bereits am Vormittag am Mahnmal gegenüber der Kirche einen Kranz nieder.

Insgesamt 10 600 psychisch kranke und behinderte Menschen wurden 1940 in Grafeneck systematisch ermordet, so Thomas Stöckle, Leiter der Gedenkstätte Grafeneck: Patienten aus insgesamt 48 Kliniken – hunderte aus der größten Psychiatrie des Dritten Reiches, Bedburg-Hau. Jahrzehntelang sei das Thema mit „einer starke Verdrängung belastet gewesen”, so Friedrich Leidinger, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie beim LVR-Köln. Erst in jüngster Vergangenheit würde „eine neue Stufe der Erinnerung erreicht.” „Manche Spuren sind einfach nicht mehr sichtbar”, umreißt die Düsseldorfer Histoirikerin und Künstlerin Ulrike Oeter die Schwierigkeit ihrer Arbeiten. Die Installation „Aenne's letzte Reise” zeigt ein lebensgroßes Foto der 17-jährigen Aenne Lehnkering, die 1936 in die Psychiatrie in Bedburg-Hau eingeliefert, 1940 in Grafeneck ermordet wurde. Die Klinik hat das Kunstwerk gekauft und in einem etwa sechs Quadratmeter großen Raum des Psychiatriemuseums untergebracht.

Nachträglich collorierte Oeter das Foto der lachenden, strahlend fröhlich wirkenden 17-Jährigen. Dazu stellte sie ein aus fragil wirkendem Papier gestaltetes Kleid, Schuhe und eine Tasse – „eine Art Grabbeigabe”, sagt die Künstlerin. Mit dem verbildlichten Schicksal wolle sie den großen Zahlen, dem grauenhaften Massenmord ein Gesicht geben, erklärt sie. Eine Art Requiem.

Anne Heidrich

Empfehlen
Kommentare
Facebook
 
Kommentare
07.11.2009
15:55
„Eine neue Stufe der Erinnerung”
von HKVD | #1

Der 16jährige Danny C. wandte sich mit Hilferufen an den Heimkinderverband.
Er hatte dann einen Protestbrief geschrieben, den er öffentlich machen wollte. Der Heimkinderverband machte den Jugendlichen darauf aufmerksam, dass er mit Repressalien rechnen müsse.
Als das Jugendamt von diesem Protestbrief erfuhr, wurde er von der Polizei in Handschellen abgeführt und in die Psychiatrie gebracht.
Am 07.11.2009 hat die Anlaufstelle des HKVD den Danny C. um 14:50 Uhr am Telefon über seinen Wohlbefinden befragen wollen.
Bedburg Hau Tel 02821-813411 verweigerte den Kontakt mit den Worten, Der Junge hat heute Telefonverbot. Hat sich da in Bedburg Hau ein Ausnahmegericht bebildet oder sind wir wieder in den 60zigern, als Jugendliche in den Heimen willkürlich in Isolationshaft genommen wurden?

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/851825/create

Aktuelle Fotos und Videos
Landtagwahl in Kleve
Bildgalerie
Fotostrecke
Wallfahrt
Bildgalerie
Öffnung der Basilika
Streetdance
Bildgalerie
Kreismeisterschaft
Großbrand in Goch
Bildgalerie
Nähr-Engel
Aus dem Ressort
Hartz IV-Urteil: Umsetzung dauert noch
Soziales
Zur Berechnung der Unterkunftskosten sind fünf Quadratmeter mehr angemessen. Sagt das Gericht. Bis das Urteil im Kreis Kleve in der Praxis angelangt dauert es noch zwei bis drei Monate.
Wo der Feind gut schmeckt
Ernährung
Das 13. Kräutergartenfest im Moyländer Schlosspark steigt am ersten Juni-Wochenende