Ein vergessenes Genie

Gemalt von Govert Flinck: „Isaak zegent Jacob“, 1638.
Gemalt von Govert Flinck: „Isaak zegent Jacob“, 1638.
Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
Govert Flinck gehörte im 17. Jahrhundert zu den angesagtesten Malern der Niederlande. Er bekam viele Aufträge in der Amsterdamer Kaufmannschaft und ist heute doch ein vergessener Künstler aus Kleve

Kleve/Amsterdam..  Die Blicke gehen immer nur in eine Richtung: Alle Welt möchte im neuen Rijksmuseum in Amsterdam die Nachtwache von Rembrandt sehen. Trauben von Menschen scharen sich um das Nachtgelage der berühmten Schützengesellschaft von Frans Banning Cocq. Wer hat da schon ein Auge für das Nachbargemälde? Für die Arbeit von Govert Flinck ist es tragisch: Nun zählen seine Bilder zu den besten Arbeiten, die das Goldene Jahrhundert der Niederlande hervorgebracht hat, er war einer der erfolgreichsten Maler in Amsterdam, seine Schützengesellschaft von Albert Bas hängt unmittelbar neben der Nachtwache in der Ehrengalerie des Rijksmuseums – und trotzdem guckt kaum einer hin. Alle wollen Rembrandt sehen.

Govert Flinck ist heute nur noch Kennern des 17. Jahrhunderts ein Begriff. Und das ist ziemlich schade. Am 25. Januar 1615, also vor genau 400 Jahren, wurde Govert Flinck in Kleve geboren. Unmittelbar am Fischmarkt besaß sein Vater Thonis Flinck ein Häuschen, in dem Govert aufwuchs, ehe er mit 17 Jahren nach Leeuwarden aufbrach, um Maler zu werden.

Ein junger Draufgänger

Das Leben des jungen Draufgängers aus Kleve, der bei Rembrandt lernen und Mitte des 17. Jahrhunderts seinen Lehrer im wirtschaftlichen Erfolg übertrumpfen sollte, wird zurzeit von Tom van der Molen analystiert. Van der Molen arbeitet bereits seit mehreren Jahren an einer Doktorarbeit über Govert Flinck und er wird im Herbst gemeinsam mit Valentina Vlasic eine große Ausstellung über den Maler im Klever Kurhaus vorbereiten. Die NRZ besuchte ihn in Amsterdam und durfte Einblicke nehmen in seine Arbeiten über den großen Maler.

Tom van der Molen arbeitet für das „Amsterdam Museum“ und hat sich auf die Malerei des 17. Jahrhunderts spezialisiert. Flinck ist für ihn einer der großen Künstler nach Rembrandt, Frans Hals und Johannes Vermeer. „Er war ein faszinierender Maler, er war geschäftstüchtig, unterhielt viele Kontakte zur reichen Amsterdamer Geschäftswelt und wusste sich gut zu vermarkten“, sagte van der Molen. Wäre Flinck mit 45 Jahren nicht schon so früh gestorben, wäre er heute sicherlich als eine herausragende Künstlerpersönlichkeit in Erinnerung geblieben.

Viele Zeugnisse über die Jugend Govert Flincks in Kleve gibt es leider nicht. Aber van der Molen hat für seine Dissertation doch einiges zu Tage fördern können, das bislang so noch nicht bekannt war. Flincks Vater war wahrscheinlich Textilkaufmann, bekleidete in der Stadt viele öffentliche Ämter und wurde 1625 zum Rentmeister gewählt – also als Leiter der Finanzverwaltung. Flincks Mutter stammte aus Köln und er besaß einen Bruder, Ameldonck Flinck, für den Govert am 1. Juli 1649 Trauzeuge war.

Govert Flinck stammte also aus der höheren Mittelklasse des 17. Jahrhunderts. Tom van der Molen geht davon aus, dass diese Familienkontakte ihm bei seiner Karriere in Amsterdam auch geholfen haben. Wie sich später zeigen wird, erhielt Flinck auch Aufträge von Johan Mauritz von Nassau-Siegen und vom Stadthalter Friedrich-Wilhelm von Brandenburg. Die Kontakte dürften über die „Kleve-Connection“ gelaufen sein.

Govert Flinck habe seine Karriere bewusst geplant. „Das ist ganz offensichtlich“, erzählt Tom van der Molen. Denn Flinck organisierte sich nicht nur einen Platz in der angesehenen Werkstatt von Hendrick Uylenburgh, für die auch Rembrandt van Rijn arbeitete, sondern er entwickelte seinen Stil weiter und kopierte seine Meister. So ging er auch nach Antwerpen, um die Arbeiten von Peter Paul Rubens zu studieren. „Manche Stile wurden so gut von ihm kopiert, dass es damals schon schwer fiel, einen Rembrandt von einem Flinck zu unterscheiden“, sagt van der Molen. Heute sei dies mit modernen Techniken sehr viel besser möglich.

Beide Maler arbeiteten in der gleichen Werkstatt, nutzten die gleichen Farben und Werkstoffe. „Aber es war kein klassisches Lehrer-Schüler-Verhältnis“, betont van der Molen. Zwar habe der neun Jahre ältere Rembrandt sicherlich einen höheren Status als Flinck gehabt, aber Flinck habe doch recht schnell selbstständig gearbeitet.

„Und zwar zur größten Zufriedenheit der Auftraggeber“, betont van der Molen. Während es bei Rembrandt immer wieder Ärger über seine Auftragsarbeiten gab, wurde Flinck von den reichen Kaufleuten, die ein Bild bei ihm bestellten und in erster Linie sich selbst erkennen wollten, in den höchsten Tönen gelobt. Flinck habe mit seiner Kunst so viel Geld verdienen können, dass er sich im Zentrum der Stadt an der Lauriersgracht, unweit der Westerkerk, ein Doppelhaus leisten konnte und ein stattliches Atelier.

Der Stolz der Bürgerschaft

„Flinck steht mit beiden Beinen im Establishment des Goldenen Jahrhunderts“, sagt van der Molen. Er hatte viele Freunde unter den reichen niederländischen Kaufmannsleuten. Joost van de Vondel, der berühmte Dichter des 17. Jahrhunderts, schuf für ihn sogar ein Gedicht anlässlich seiner Verlobung, Flinck bedankte sich mit Bildern.

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere bekam er den größten Auftrag, der jemals im 17. Jahrhundert der Niederlande an einen Künstler erteilt worden ist: Govert Flinck sollte das neue Rathaus der Stadt Amsterdam, den ganzen Stolz der Bürgerschaft, mit Bilder ausstatten. Der „Aufstand der Batavier“ sollte das Leitmotiv sein. Er hat sein Werk nicht beginnen können, weil er vorzeitig starb. „Aber dass später Rembrandt, Lievens und Jordaens gefragten wurden, um die Arbeiten zu übernehmen, zeigt schon, welches Ansehen Flinck damals besaß“, verdeutlicht Tom van der Molen.

Den Kontakt zu Kleve hat Flinck immer gehalten. Es ist belegt, dass er um 1650 in der Schwanenstadt war. Flinck starb am 2. Februar 1660. Kurz vor seinem Tod vermachte er der Stadt Kleve sogar noch ein Bild: Salomons Gebet um Weisheit.