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Ein Leben lang verfolgt

17.07.2012 | 18:36 Uhr
Ein Leben lang verfolgt
Der Forensikneubau in Bedburg-Hau. Foto: Thorsten Lindekamp

Bedburg-Hau. Wenn er heute zurückdenkt, senkt er den Blick und ringt verlegen um Worte. Was mehr als ein Jahrzehnt lang das Leben bestimmte, was ihm tagtäglich als völlig real vorkam – es ist völlig absurd. Und jetzt hat dieses Wissen endlich seinen Weg auch zu Mehmet T. (Name von der Redaktion geändert) gefunden. In unzähligen Sitzungen haben sich die Therapeuten mit ihm dorthin gearbeitet. Aber mit der Erkenntnis, dass sein eigener Kopf ihm Streiche spielte, entstand eben auch das Gefühl, es müsse ihm peinlich sein.

In seiner Schizophrenie hat ihn damals ein schräges Bild verfolgt. „Ich habe sie am Gebiss erkannt“, kommt es schließlich aus dem sonst besonnen wirkenden, jungen Mann heraus. „Waren Zähne gezogen, war das ein Zeichen...“

Sie, das waren die Agenten des sowjetischen Geheimdienstes KGB, der ihn ein Jahrzehnt lang durch mehrere Länder verfolgte. Zumindest in seiner Gedankenwelt. Heute erklärt er sich eine Schlägerei mit zwei Russen im Jahr 2000 als den Ursprung seiner Krankheit. Die drohten, ihn zu töten. Dass sie Agenten waren, fügte er selbst hinzu. Und hat das Gehirn erst einmal einen verqueren Gedanken gefasst, findet es für alles die passende Erklärung. Sein Chef bei einem Paketdienst in Süddeutschland, seine damalige Ehefrau, Menschen auf der Straße und in Ämtern: Ständig sah Mehmet die Verfolger, reimte sich ihre Intrigen zusammen und war auf der Flucht. Ein Getriebener, der nicht anders konnte, als in Angst zu leben und jedem zu misstrauen.

Den Chef bedroht

Dabei war es so gut gelaufen im Leben des Mannes, der als Sohn türkischer Eltern in Deutschland geboren worden war und sich für ein Medizin-Studium, unter anderem in Russland, acht Jahre abrackerte. Beinahe hätte er es fertig bekommen. Wäre da nicht mit Mitte 20 die Krankheit ausgebrochen. „Ich habe von einem besseren Leben geträumt“, sagt er. Und wollte so gerne helfen. „Ich liebe Menschen, bin auch heute gerne unter ihnen.“ Noch so ein Moment, in dem ihm die Peinlichkeit hochkommt. „Eigentlich“, fügt er hinzu. Denn ja, als ihm sein Chef den Lohn zwei Tage zu spät zahlte, da entlud sich Mehmets bis dahin in sich gekehrte Schizophrenie.

Erst bedrohte er den Chef mit einem Messer, forderte den ausstehenden Lohn. Dann machte sich Mehmet auf eine Flucht per Zug quer durch Deutschland. „Ich wollte nach Düsseldorf zum Asylamt, dort Hilfe bekommen“, sagt er. In Köln ging das Geld aus. Überall sah er nun den KGB. In einem Geschäft bedrohte er eine Mitarbeiterin – auch sie in seinen Augen eine Agentin. „Aber tun wollte ich ihr nichts.“

Viele Träume sind geplatzt

Dort fasste ihn schließlich die Polizei. Psychologen stellten endlich die richtige Diagnose – denn auch das gehört zu seiner tragischen Geschichte: Als er noch nicht straffällig geworden war und Hilfe suchte, diagnostizierte man bei ihm eine Depression. Dabei verstärkten die Mittel, die er verschrieben bekam, die Schizophrenie sogar noch.

Nach den beiden Raubüberfällen landete Mehmet in Bedburg-Hau, wo er seit bald vier Jahren eingesperrt ist. Ein „Musterpatient“ sei er, sagen seine Betreuer. Einmal im Monat darf er für einen Tag raus, fährt zu seinem Onkel ins Ruhrgebiet. Er muss sich dann regelmäßig auf der Station melden. „Am liebsten besuche ich dort Orte aus meiner Kindheit wie einen Bolzplatz. Das beruhigt mich.“ Er hofft, dass er bald draußen übernachten darf. Und in ein paar Jahren endgültig frei ist.

Viele Träume sind geplatzt, Mehmet schaut nun realistisch voraus. „Ein Job und eine eigene Wohnung, das wäre schön.“ Es ist noch ein langes Stück Weg. Und die Medikamente wird er wohl nie absetzen können.

Julian Weimer


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