,Ein junger Held’ gab sein Blut

Karl Klümpen (aus: Das Infanterie-Regiment Vogel von Falckenstein Nr. 56 im Großen Kriege 1914-18 von Martin Schultz, 1926 (Stadtarchiv Kleve)
Karl Klümpen (aus: Das Infanterie-Regiment Vogel von Falckenstein Nr. 56 im Großen Kriege 1914-18 von Martin Schultz, 1926 (Stadtarchiv Kleve)
Foto: NRZ
Über 500 Klever verloren während des Ersten Weltkriegs als Soldaten ihr Leben. Ihre Schicksale spiegeln Propaganda, Heldenverehrung und Trauer wider.

Kleve..  Auch das heutige Foto zeigt einen „Klever Kopf“: Karl Klümpen wurde am 12. Januar 1889 in Kleve geboren. Nach dem Besuch der höheren Landwirtschaftsschule war er in Kleve als Kaufmann tätig. Als Leutnant der Reserve wurde er mit Kriegsbeginn im August 1914 eingezogen. Er wurde Kompanieführer im Infanterie-Regiment Vogel von Falckenstein Nr. 56, das in Friedenszeiten auf zwei Garnisonsorte in Wesel und Kleve verteilt war. Am 6. Mai 1917 starb Klümpen in der Schlacht am Chemin des Dames in Frankreich. Karl Klümpen steht hier nur stellvertretend für mehr als 500 Klever, die während es Ersten Weltkriegs als Soldaten starben.

Die Umstände seines Todes kennen wir aus dem Kriegstagebuch von Johann Hebing. „Auf einer Erkundigung des Geländes erhielt der Kompagnieführer Leutnant Klümpen einen sofort tötenden Kopfschuß. Leutnant Kranefeld übernahm die Führung der Kompagnie und trat um 9.47 Uhr den Sturm an. Auch er erreichte die feindliche Linie nicht mehr. Ein feindliches Geschoß löschte auch sein junges Leben aus. Den nun vom Bataillon als Kompagnieführer kommandierten Leutnant Gräfrath traf schon auf dem Wege zur Kompagnie die tödliche Kugel. Trotzdem erreichten die Sturmwellen den feindlichen Graben. 62 Gefangene waren die Frucht des Sturmes.“

144 starben an einem Tag

Mit Klümpen verlor das Regiment an diesem 6. Mai 1917 insgesamt 144 Mann. In der 1926 erschienen Regimentschronik heißt es über die nur wenige Tage dauernde Schlacht: Allein „an Mannschaften hatten fast 280 ihr Leben eingebüßt und viele Hunderte ehrenvolle Wunden, hier fast alle auffallend schwer, davongetragen. Die Beute bestand aus etwa 110 Gefangenen, 2 M.G., 8 Schnelladegewehren usw.“

Klümpen wurde 28 Jahre alt. Mehr als drei Viertel der verstorbenen Klever Soldaten waren zwischen 1888 und 1900 geboren.

Es waren sicher gerade die Jugendlichen, die, getrieben von Abenteuerlust, dem Wunsch, sich im Krieg als Held beweisen zu können und in Erwartung eines schnellen Sieges, freudig „zur Fahne“ eilten. Der letzte Krieg lag lange zurück und niemand konnte sich zu Kriegsbeginn vorstellen, wie grauenvoll sich dieser erste industrielle Krieg entwickeln würde. Hinzu kam die entsprechende Erziehung in Elternhaus und Schule.

„Erhebend“

Doch erfasste die Kriegsbegeisterung überwiegend die bürgerlichen Kreise und gerade die höhere Landwirtschaftsschule scheint hier besonders aktiv gewesen zu sein. In einer Todesanzeige der Schule für den 18jährigen Helmut Coerper, den Sohn des evangelischen Pfarrers, heißt es 1915: „Erfüllt vom Idealismus einer unverdorbenen Jugend wurde er schon zu Beginn des Krieges unwiderstehlich zur Fahne hingezogen. Zurückgehalten bis zum Abschluß-examen, bestand er als einer der ersten die Notprüfung im Juni dieses Jahres... Nun stehen seine Lehrer und Mitschüler erschüttert an dem Unabänderlichen, aber getragen von dem erhebenden Bewußtsein, daß ein junger Held mehr auf dem Altare der Liebe zu Kaiser und Reich sein Herzblut hingegeben hat.“

Trauer und Not finden in den Todesanzeigen nur am Rande ihren Ausdruck. Doch kann man erahnen, was der Tod der Soldaten für die vielen in den Anzeigen genannten jungen Witwen und Halbwaisen bedeutete. Die Hinterbliebenenfürsorge war völlig unzureichend, so dass zu dem menschlichen Verlust häufig auch große Armut kam.

Vielleicht sagt das Foto von Johanna Arnolda Ehrenbogen mit ihren beiden Kindern Leo und Hans mehr als viele Worte. 1890 war sie in Kleve geboren und hatte hier 1913 geheiratet. Ihr Mann Leo Heinrich starb im Mai 1915 mit 22 Jahren in Hołobutów im damals österreichischen Galizien (heute Ukraine) durch einen Bauchschuss zwei Tage vor der Geburt des jüngsten Sohnes.

Die Leiche von Karl Klümpen wurde im Januar 1916 nach Kleve überführt und von seinem Elternhaus in der Kermisdahlstraße in einem großen Trauerzug unter Beteiligung des Kriegervereins zum Friedhof begleitet. Das war eine große Ausnahme. Die meisten Soldaten wurden, wenn überhaupt, in den fernen Kriegsgebieten beerdigt. Ihre Gräber waren auch noch dem Krieg für die Angehörigen unerreichbar. Die Kriegerdenkmäler, die nach Kriegsende richtet wurden, entsprachen sicher dem Bedürfnis nach einem Ort der Trauer und der Erinnerung. Doch erfüllten sie auch eine propagandistische Aufgabe. Durch die Betonung von Heldentod und Opferbereitschaft sollte dem durch den verlorenen Krieg sinnlos erscheinenden Tod der Soldaten nachträglich ein Sinn gegeben werden.