Ein fast vergessener Dichter

Robert Voss (3.v.rechts) im Kreise seiner Familie.
Robert Voss (3.v.rechts) im Kreise seiner Familie.
Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
Robert Voss schrieb Mystery-Geschichen und „Van Menze im Källe ütt minne jongen Tid“. Er erhängte sich und wurde nicht in der Familiengruft beigesetzt

Kleve..  Vorige Woche wurde an dieser Stelle über Maria Reymer berichtet, die den Holländer Käse am Niederrhein einführte. Sie ist die Großmutter von Robert Voss, der 1877 auf dem Hof Eikenstall in Warbeyen geboren wurde. In den 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts publizierte Voss Sagen, Mundartgedichte, Anekdoten und Sinnsprüche. Seine Liebe galt der niederrheinischen Heimat, der er nicht nur durch seine Literatur Ausdruck verlieh, sondern auch durch die intensive Beschäftigung mit Familienforschung.

Seine Kindheit verbrachte Robert Voss auf dem Hof, den seine Eltern betrieben. Ebenso wie seine Brüder besuchte er das Gymnasium in Kleve, die etwa sieben Kilometer lange Strecke wurde mit der Ponychaise zurückgelegt.

Ohne Beruf

Durch alte Adressbücher erfahren wir, dass Robert mit seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder Paul – der ältere Bruder Karl lebte bereits als Gerichts-Assessor in Kleve – zwischen 1905 und 1909 nach Kleve zog, auf die untere Lindenallee. Vermutlich hatte die Familie den Hof verkauft und lebte nun in Kleve von dem Verkaufserlös. Zwischen 1909 und 1914 zog die Familie in eine der beiden soeben erbauten van-de-Sandt-Villen oben am Waldrand der Lindenallee. Die van de Sandts waren Verwandte der Familie Voss. Einige Jahre nach dem Tod der Eltern zogen die Brüder Robert und Paul zur Frankenstraße, wo Paul bald starb.

Einem Beruf scheint Robert Voss nicht nachgegangen zu sein, denn die Adressverzeichnisse der Stadt Kleve weisen ihn seit 1909 – da war Voss erst 32 Jahre alt – als Rentner aus. Die Bezeichnung als Rentner war zu dieser Zeit nichts Ungewöhnliches und bedeutete, dass man von seinem Vermögen lebte.

Im April 1940 erhängte sich Robert Voss im Alter von 63 Jahren in seiner Wohnung. Es konnte – im Gegensatz zu den meisten anderen Familienmitgliedern – kein Totenzettel gefunden werden, was vielleicht mit seinem Freitod erklärt werden kann. Sein Selbstmord könnte auch ursächlich dafür sein, dass Robert Voss am 8. Mai 1940 in einem nicht mehr erhaltenen Reihengrab auf dem Klever Friedhof beigesetzt wurde und nicht in der großen, heute noch erhaltenen Familiengruft direkt am Hauptweg des Friedhofs an der Merowinger Straße.

Sein Grab ist verschwunden, sein literarischer Nachlass glücklicherweise nicht. Gelegentlich noch antiquarisch zu erwerben sind die „Sagen aus Clever Landen“, 1926 im Verlag der Witwe Boss erschienen. Einige dieser Sagen wurden später auch im Heimatkalender und in Zeitungen abgedruckt. Manche dieser Geschichten würde man heute ins Mystery-Genre einordnen, oftmals geschehen unerklärliche Dinge in dunkler, schauriger Umgebung.

Robert Voss hat aufgeschrieben, was ihm das Volk erzählt hat. Viele Geschichten sind vor allem in Kellen, Warbeyen und Emmericher Eyland angesiedelt, also dort, woher seine Familie stammt und wo er das Vertrauen der Landbevölkerung besaß.

Nicht von Wahrheit und Vernunft

Die gesammelten Geschichten bringt er ohne Belehrung und Kommentierung, er schreibt jedoch im Vorwort, dass diese Sagen nicht von Wahrheit und Vernunft, sondern von Empfindung und Religiosität geprägt seien.

Voss hat nicht nur gesammelt, sondern auch selbst geschrieben, diese Werke wurden jedoch bis auf die kürzeren Texte in den Zeitungen nicht gedruckt, sondern sind vereinzelt als Typoskript erhalten geblieben, wie beispielsweise „De Dickgräf“, eine humorvolle Geschichte über das Leben eines unkonventionellen Deichgräfs und Gutsbesitzers, die sich wohl auf eine tatsächlich existierende Figur aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts bezieht. „Van Menze im Källe ütt minne jongen Tid“ ist ein Werk aus den 30er-Jahren mit fast 70 Geschichten, meist über die großen Höfe in Kellen und ihre Bewohner.

Damit der Leser auch wirklich weiß, um wen es in den Geschichten geht, ist eine Namensliste vorangestellt. Trotz der Mundarttitel sind die auf wahren Erlebnissen basierenden Erzählungen in hochdeutscher Sprache. Wenn Voss die Figuren sprechen lässt, dann natürlich in Kellener Platt.

Gemeinsam mit Dr. Josef Stapper brachte Robert Voss 1934 einen 100 Seiten starken Wanderführer heraus: „Zwischen Rhein und Reichswald: Ein Wanderbuch durch das Clever Land am Niederrhein“. Das Buch war am Niederrhein verschollen, konnte aber über die Deutsche Bücherei in Leipzig in Kopie wieder besorgt werden und ist im Klever Stadtarchiv einsehbar. Robert Voss, der gern wanderte und Fahrrad fuhr, stellte hier Routen rund um Kleve vor, mit vielen Fotos, historischen Erläuterungen und Sagen.

Robert Voss hatte sich aber auch einen Namen als Familienforscher gemacht. So erforschte er die Zusammenhänge der mit ihm verwandten Bauernfamilien Arntz, Voss, Hoiman, Hortmann, van de Sandt, Baumann, Verwaayen u.a. Allein die Familienchronik Voss umfasst etwa 170 Seiten. Diese reicht von etwa 1648 bis 1932. Sie enthält neben Stammbäumen teils in Platt verfasste Erzählungen über einzelne Familienmitglieder, aber auch einen Augenzeugenbericht einer über 90jährigen Warbeyerin über die „schöne, imponierende und sensitive“ Maria Reymer.