Ein Disneyland für Feuerwehrleute
01.07.2009 | 08:20 Uhr 2009-07-01T08:20:00+0200
Weeze. Das Dorado für professionelle Katastrophentouristen gibt es in Weeze am Niederrhein. Fast täglich brennen dort Wohnungen, stürzen Flugzeuge in Busse, pöbeln Fußballfans auf der Straße. Das Ganze dient nur einem Zweck: dem Training von Einsatzkräften von Feuerwehr und Polizei.
Würde in dieser Stadt eine Zeitung erscheinen, sie müsste fast jeden Tag über Katastrophen berichten. Über Massenkarambolagen und Wohnungsbrände, über Geiselnahmen und Schlägereien, über Flugzeugabstürze und entgleiste Züge. Zum Glück ist das alles nicht echt. Aber ziemlich realistisch. Denn im Trainingszentrum auf dem Flughafengelände in Weeze geht es ja gerade darum: Die Ausnahme zur Regel zu machen. Um die Ausnahmen zu trainieren.
Eine ganze Stadt haben sie deshalb zu einer Art Disneyland für Feuerwehrleute und Polizisten umgebaut, es ist das größte Trainingszentrum Europas. Auf 38 Hektar gibt es 300 Wohnungen, ein Schnellrestaurant, ein Kraftwerk, Straßen, einen Autobahnabschnitt, Bahngleise, Garagen, Werkstätten, Schule, Kindergarten... Wie gesagt: Es ist eine echte Kleinstadt.
Kaum deutsche Gruppen
Hinterlassen hat sie die britische Royal Air Force. Nahezu autark, mit allen Einrichtungen, die so eine kleine Stadt nun mal braucht, steht sie noch immer so gut wie unverändert in der Landschaft. Das ideale Trainingsgelände. Fand auch Marcel van Haren, Generalmanager des BOTC-Trainingszentrums, der 2006 mit seiner Idee in Weeze anklopfte. BOTC steht für „Brandweer Opleidings- en Trainingscentrum”, Ausbildungs- und Trainingszentrum für die Feuerwehr. Und nicht nur der Geschäftsführer ist Niederländer, auch die meisten Feuerwehren und Polizeigruppen, die hier trainieren, kommen aus Holland. Weit haben sie es nicht.
Gespenstische Flammen
Das BOTC am Airport ist erfolgreich. Nach Angaben der Betreiber haben 2008 rund 6000 Einsatzkräfte in Weeze trainiert. Geht es nach Jürgen Buil und Marcel van Haren, kommen bald mehr Kräfte aus Deutschland. Doch hier sind Heißübungen für Feuerwehrleute nicht Pflicht.
Mitentscheidend dürfte auch die Kostenfrage sein. Zwar nennen die Betreiber keine Zahlen, billig ist ein möglichst realistisches Szenario aber nicht. Die Kapazitäten sind jedenfalls noch nicht erschöpft. Mehrere Gruppen können gleichzeitig auf dem riesigen Gelände üben.
Dass bislang kaum deutsche Einsatzkräfte in Weeze trainieren, hat einen einfachen Grund: Sie müssen es nicht. Anders als in den Niederlanden und einigen anderen europäischen Ländern, sind so genannte Heißübungen für deutsche Feuerwehrleute nicht Pflicht. „Wenn man Glück hat, bekommt man mal eine Übung mit Disconebel”, sagt Jürgen Buil, der sich ums Marketing fürs Trainingszentrum kümmert. Wie van Haren, hat Buil jahrelange Erfahrung als Feuerwehrmann. Beide wissen, wie das ist, in ein brennendes Haus zu gehen, sich nur auf den Tastsinn zu verlassen, bei mehreren hundert Grad möglicherweise auch noch Menschenleben retten zu müsssen.
Das annähernd zu simulieren, Feuerwehrleuten ein Gespür für Extremsituationen zu vermitteln, damit sie im Ernstfall richtig handeln, darum geht es. Etwa in einer Lagerhalle, in die sie Kammern gebaut haben. Mit Holz befeuert, entzünden sich hier Gase, die bei Bränden häufig auftreten. Die Flammen kriechen dann gespenstisch die Decken entlang, über den Köpfen der Feuerwehrleute. Wer in dieser Situation Raumangst bekommt, hat vielleicht den falschen Job.
Fast jedes erdenkliche Szenario lässt sich beim BOTC buchen. Immer sind eigene Ausbilder des Zentrums dabei. Sie kennen sich am besten auf dem Gelände aus und wissen, wann es wirklich gefährlich wird. „Die Sicherheit der Feuerwehrleute steht immer im Vordergrund”, beteuert Buil.
Die pöbelnden Fußballfans im Zug, das Kleinflugzeug, das in einen Linienbus stürzte, die Hanfplantage im Keller des Kraftwerks, Terroranschläge, Nuklearunfälle. Hat es hier alles schon gegeben. Bürgermeister möchte man in dieser Stadt nicht unbedingt sein.
Ein Schiff soll kommen
Marcel van Haren, der hier aber wirklich gerne so etwas wie ein Bürgermeister ist, hat noch eine ganze Menge vor mit seiner Stadt. Ein Schiff will er haben, mitten im Wasser, noch mehr Schulungsräume, ein Labor und so weiter. Marketingchef Jürgen Buil ergänzt mit dem bekannten Modelleisenbahn-Mantra: „So eine Anlage wird ja im Grunde nie fertig.”
Das BOTC ist das Dorado für professionelle Katastrophentouristen. Auch abends, wenn das Training vorbei ist, bleiben die Feuerwehrleute und Polizisten oft in der Stadt. Es gibt sogar ein Hotel mit 160 Betten. Und im ehemaligen Offiziersclub der Briten ist das Feierabendbier keine Simulation, sondern absolut echt.
13:08
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