Die Mutter aller Tragödien

Kleve..  Eine schmutzige, terrakottafarbene Wand, an der Wasser herabfließt. Eine Feuerstelle für religiöse Handlungen. Und draußen die Sicherheitsleute in Vollkörper-Schutzkleidung. Hier ist das Zentrum von Theben, der Königspalast. Hier regiert Ödipus. Doch das Land versinkt in Elend und Seuchen. Ödipus sucht nach dem Grund. Ein ungesühnter Mord ist es, sagen die Götter, ein Mord an seinem Vorgänger. Ödipus hält eine Fernsehansprache, in der er den Mörder verflucht. Dann macht er sich als Chefermittler an die Arbeit. Schon bald wird immer deutlicher: Er ist sich selbst auf der Spur. Er ist der Mörder. Und, schlimmer noch: Er ist der Sohn des Ermordeten. Als er dessen Witwe, die Königin, zur Frau nahm, heiratete er seine Mutter. Und zeugte Kinder mit ihr.

Auf der Bühne der Klever Stadthalle war das etwa zweieinhalbtausend Jahre alte Stück von Sophokles nun zu sehen. Die Mutter aller Tragödien, wenn man so will. Nichts hat es von seiner Kraft verloren. Im Gegenteil. Was sehen wir? Den Weltpolizisten, der plötzlich als Folterer dasteht. Den Herrscher, der Verschwörungen wittert, wo er sich doch in Wirklichkeit selbst zu immer neuen Fehlern getrieben wird. Den Menschen, der sich über das Naturrecht hinwegsetzt und über die Natur gleich mit, was nicht gut gehen kann. Bezüge zur Jetztzeit drängen sich geradezu auf.

„Fremd ist mir die ganze Sache, fremd die Tat“, sagt Ödipus selbstgewiss. Am Ende wird er vor der Leiche seiner Frau/Mutter stehen und sich mit Nadeln die Augen ausstechen. Als Zuschauer sieht man diese dramatische Zuspitzung nicht, ein Priester erzählt sie dem Publikum. So manchen Körper sah man da zusammenzucken. Auf die Macht der Bilder im Kopf bauten schon die alten Griechen. Keine Filmszene kann grauenerregender sein.

Das Münchener a.gon-Theater reist mit diesem Stück durch die Republik. Die Inszenierung von Stefan Zimmermann versetzt die archaische Handlung in eine alptraumhafte Gegenwart. Oliver Severin ist ein beeindruckender Ödipus, der die Wandlung vom selbstgewissen Herrscher zum Verstoßenen mit großen Leidenschaften füllt. Man sieht Stefan Rehberg als Schwager/Onkel Kreon, wie er anfangs gutmütig, dann erzürnt und zuletzt als Militärherrscher die Bühne betritt. Auf ihn, der alles richtig machen will und nichts so achtet wie den Spruch der Götter, wartet noch ein besonderes Schicksal. Auch der Rest der Theatergruppe überzeugte durchaus. Bleibt die Frage, warum sich nur etwa 100 Besucher für diesen tollen Stoff erwärmen konnten. Allmählich sollte es sich doch herumsprechen, dass man inzwischen gute Aufführungen in der Städtischen Theaterreihe zu sehen bekommt.