Die Meisterspionin aus Rindern

Maria Reymer
Maria Reymer
Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
Maria Reymer kam in Holland hinter das Geheimnis des Käsemachens. Ihr Vater setzte die Käseproduktion am Niederrhein wieder in Gang

Kleve..  Heute würde vielleicht der Enkel per Internet den Server der Käsefabrikanten knacken. Früher musste die Tochter ran. Theodor Reymer, Landwirt auf Gut Hogefeld in Rindern, schickte seine Tochter Maria 1824 zu Verwandten nach Utrecht. Sie sollte herausfinden, wie man Käse macht.

„Um nun mit der eigentlichen Verfertigung des Käses bekannt zu werden, ging eine meiner Töchter auf eine der größeren Holländereien“, schreibt Theodor Reymer 1826. „Nach ihrer Rückkehr ins elterliche Haus habe ich im Jahre 1825 auf meinem Gute selbst eine Käserei angelegt und diese bis jetzt mit dem glücklichsten Erfolge fortgesetzt.“ Dafür erhielt er das Ehrenkreuz.

Dass man einer Wirtschaftsspionin ein Denkmal setzt, ist auch nicht gerade alltäglich. 100 Jahre nach dem Käse-Durchstart ließ der damalige Besitzer von Gut Hogefeld Maria Reymer ein Käsedenkmal errichten.

Käse? Ehrenkreuz? Denkmal? Menschen von heute können diese Geschichte kaum verstehen, schließlich gibt es heute Käse aus aller Welt und in Massen in jedem Supermarkt. Doch nach den Napoleonischen Kriegen im 19. Jahrhundert war das anders. Zwanzig Jahre lang hatten die Franzosen den Niederrhein besetzt. Aus der Freiheit, die die Revolutionstruppen im Munde führten, wurde ganz schnell ein Besatzungsregime. Erst recht, als Napoleon zu seinen großen Kriegszügen aufbrach. Da brauchten die Franzosen alle Lebensmittel, die sie kriegen konnten. Der Niederrhein blutete sozusagen aus.

Preußen, nach dem Sieg über Napoleon auf einmal wieder zuständig für die ferne Provinz in Kleve, schickte Korn, Holland Kartoffeln.

„Die Lieferungen mussten unter strengster Bewachung in das Magazin nach Kleve verbracht werden, da die Unsicherheit auf den Straßen sehr groß war“, schreibt Martha Fürtjes-Egbers im Begleitheft zu einer Ausstellung über die Anfänge der Käsemacherei am Niederrhein, die 2003 im Rinderner Museum Forum Arenacum stattfand. Kurz: Zusätzlich zu allen politischen Umschwüngen gab es auch noch Hunger. Und obwohl der Niederrhein doch eigentlich über eine jahrhundertealte Käseproduktion verfügte, war doch alles Wissen darüber verlorengegangen. Und Käse war nicht nur deshalb so toll, weil er gut schmeckte. Käse ist haltbar gemachte Milch – und darin liegt sein ökonomischer Reiz.

Es war Maria Reymers Vater, der die Idee zur Käsemacherei hatte, der in Holland Kühe und Weiden beschaute und die Behauptung der Holländer, für die Käseherstellung benötige man spezielle Kühe und Weiden, als Lüge entlarvte. Ihr Vater legte sich mit der preußischen Regierung an, die Schmuggel vermutete, wo doch Eigenproduktion erfolgte.

Und was weiß man über seine Spionin? Eigentlich nicht besonders viel. Mit 24 Jahren heiratete sie 1827 Theodor Heinrich Awater, Deichgräf aus Warbeyen, mit dem sie vier Kinder hatte. 1834 starb ihr Mann, und vier Jahre später heiratete Maria den Ackersmann Peter Voss. Aus dieser Ehe gingen ebenfalls vier Kinder hervor. Ihre Spionagearbeit wurde nie vergessen. Schon 1830, so stellten Carl-Ludwig Reidel und Roland Verheyen im Kalender für das Klever Land 2005 fest, erwähnte man die Spionin lobend auf einer Versammlung in Kleve. Am 13. Februar 1852, mit 49 Jahren und nach langer Krankheit, starb Maria Voss in Warbeyen.