Die Herausforderung des Jahres

Ein Blick in einen Putenstall aus dem Kreis Kleve.
Ein Blick in einen Putenstall aus dem Kreis Kleve.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Weniger Antibiotika für Puten: Sylvia Heesen, leitende Kreisveterinärin in Kleve, sieht bereits erste Erfolge bei der Bekämpfung von Medikamenten in der Tiermast. Der Kreis Kleve ist die größte Putenregion in NRW

Kreis Kleve..  Der Einsatz von Antibiotika in der Putenmast ist zurzeit das bestimmende politische Thema in der Landwirtschaft. NRW-Umweltminister Johannes Remmel präsentierte vor kurzem eine umfassende Putenstudie, die den hohen Verbrauch unterschiedlicher Antibiotika in der Mast bestätigte. Demnach werden statistisch gesehen neun von zehn Mast- und Aufzuchtdurchgängen mit Antibiotika behandelt, teilweise mit bis zu 20 unterschiedlichen Medikamenten. Wie sieht die Situation im Kreis Kleve aus? Die NRZ sprach mit Sylvia Heesen, leitende Kreisveterinärin in Kleve, über die Kontrollen landwirtschaftlicher Betriebe und den Spagat zwischen Tiergesundheit und Medikamentenverbrauch.

Sylvia Heesen ist in Sachen Putenmast engagiert. „Wir wollen hier eine Menge machen und wünschen uns, dass der Einsatz von Antibiotika in der Tiermast zurück geht“, sagt Heesen. Allerdings müsse man dies gemeinsam mit den Landwirten erreichen – und sie nicht mit Vorgaben gängeln.

Neue Arzneimittelkontrolle

Seit dem 1. Juli gibt es eine neue gesetzliche Arzneimittelkontrolle in Deutschland, die den Einsatz von Antibiotika in der Tiermast stärker überwachen und bundesweit vergleichbar machen soll. Sylvia Heesen erklärt, dass seit Juli alle Tiermäster die Antibiotika-Gaben in eine zentrale Datenbank einpflegen müssen. Dies gilt für die Mast von Hähnchen, Puten, Schweinen und Kälbern. Ziel sei es, die Therapiehäufigkeiten zu ermitteln und zu vergleichen. Betriebe, die verhältnismäßig häufig Antibiotika einsetzen, stehen künftig unter Aufsicht der Veterinärämter. Gemeinsam mit Mästern und Tierärzten sollen die Behörden dann überlegen, wie man von den Medikamenten herunterkommt. Die ersten Ergebnisse dieser Auswertung werden im Frühjahr 2015 für das zweite Halbjahr 2014 erwartet. „Wir hoffen, dass unsere Betriebe nicht zu den schlechtesten 25 Prozent gehören“, sagt Heesen.

„Die Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes ist eine Riesenherausforderung für die Tiermast. Man kann ja nicht einfach sagen, ich gebe jetzt weniger Medikamente. Was macht man mit den kranken Tieren? Soll man sie nicht mehr adäquat behandeln?“, fragt Sylvia Heesen. Der Landwirt habe selbst das größte Interesse so wenige Medikamente wie möglich zu verabreichen. Denn mehr Medikamente schmälern die Gewinnmarge. „Antibiotika sind ja auch teuer“, sagt die Kreisveterinärin.

Seit den 90er Jahren wird die Verabreichung von Medikamenten in der Putenmast genau dokumentiert. Die Tierhalter sind verpflichtet, jede Anwendung in ein Stallbuch zu schreiben. Dazu kommen noch die Belege der Tierärzte. Auch heute schon führt das Kreisveterinäramt ein Ranking durch und teilt den 30 Putenmastbetrieben im Kreis mit, wo sie im Vergleich zu ihren Kollegen in Sachen Medikamentengabe stehen.

Selbstverpflichtungen seit Januar

Die zehn Kreisveterinäre besuchen die Großbetriebe mindestens drei Mal im Jahr und begutachten die Tiere vor der Abgabe zur Schlachtung und die Rückläufe der Ergebnisse für den vorherigen abgeschlossenen Mastdurchgang vom Schlachthof. Gibt es Auffälligkeiten, werden zusätzliche Kontrollen gemacht. „Und die wünscht sich keiner“, sagt Heesen. Alle 30 Großbetriebe im Kreis Kleve haben sich verpflichtet, an einem Gesundheitskontrollprogramm teilzunehmen. Werden bei der amtlichen Fleischuntersuchung Probleme festgestellt, müssen die Landwirte Maßnahmen ergreifen, um diese abzustellen. Diese Selbstverpflichtung gilt seit Januar 2014 und „es funktioniert schon ganz gut“, so Heesen. Die Veterinärbehörde kann auch eine geringere Aufstallung von Tieren anordnen: „Die Landwirte erkennen mitunter, dass sie mit weniger Tieren im Stall auch weniger Probleme haben. Und damit auch weniger Antibiotika benutzen müssen.“

Antibiotika sind nicht strafbar

Allerdings: „Der Einsatz von Antibiotika ist nicht strafbar. Wir haben keine Chance, einem Landwirt die Medikamente zu verbieten“, verdeutlichte Heesen. Dass trotz der Kontrollen immer noch Antibiotika verabreicht werden, die eigentlich nicht für die Puten zugelassen sind, habe einen einfachen Grund: „Puten sind eine Minorspezies“, sagt Heesen. Weil die Putenmast ein Nischenmarkt ist, gebe es auch nur wenige zugelassene Stoffe. Sind diese vergriffen, kann der Tierarzt auf Arzneimittel zurückgreifen, die eigentlich für andere Tierarten gedacht sind. „Das müssen aber keine Rechtsverstöße sein“, sagt Sylvia Heesen.

Die Putenmäster im Kreis Kleve setzen im Durchschnitt im Lebenszyklus einer Pute drei bis zehn Mal auf Anweisung und nach Diagnose ihrer Tierärzte ein Antibiotikum ein. „Aber es gibt auch Mastdurchgänge, die gar nicht behandelt werden.“ Der Kreis Kleve ist mit 30 Ställen eine der Hauptregionen für die Putenmast in NRW. Insgesamt gibt es im Land 200 Betriebe.

Große Erfolge habe man bereits mit der verbesserten Reinigung der Trinkwassersysteme erreichen können. Antibiotika werden den Tieren über das Trinkwasser verabreicht und immer wieder sind Rückstände in den Leitung vorhanden. „Die Tiere, die dann das Wasser trinken, sind am ehesten resistent gegen Keime, da sie in zu niedrigen Dosen das Antibiotikum verabreicht bekommen haben.“ Durch die ständige Reinigung der Leitungen mit Säuren oder Chlor habe man es geschafft, die Antibiotikagaben schon deutlich zu reduzieren.

Aber warum sind die Tiere, die nur vier bis fünf Monate leben, so schnell krank? Sylvia Heesen erklärt, dass 70 Prozent der Antibiotika bei Verdauungsproblemen eingesetzt werden. Puten hätten häufig Durchfall und das sei das größte Problem. Gegen die bakteriellen Keime (Clostridien) gebe es keine Impfstoffe. Auch die Züchtung habe bislang noch keine überzeugende Besserung herbeiführen können. Weitere 30 Prozent der Medikamentengaben gehen auf das Konto bakterieller Atemwegserkrankungen.

Die Horrorbilder aus dem Putenstall findet Sylvia Heesen maßlos überzogen. Die Tiermäster werden damit zu unrecht schlecht dargestellt: „Wir haben im Kreis Kleve 30 Großbetriebe. Und die Landwirte sind echte Profis, die leben für ihre Tiere und sie gehen auch verantwortungsvoll mit den Lebewesen um.“ Dass Puten nicht laufen können, weil ihr Brustfleisch so stark ausgeprägt ist, sei schon lange nicht mehr der Fall. „Die Tiere können heute auch mit 20 bis 22 Kilo Gewicht pro Hahn noch auf Strohballen hüpfen“, so Heesen.

Hohe Sterberate

Allerdings ist die Sterberate unter Puten nach wie vor hoch. Neben den Krankheiten haben Puten einen starken Hang zum Kannibalismus. Sie picken sich gegenseitig, Opfertiere werden so bis zum Tod gequält. Bepickte Tiere werden zu ihrem Schutz schnellstmöglich in Krankenställe umgesetzt. Gut 8 bis 10 Prozent der Hähne im Stall sterben vor der Schlachtung. Das sind bei einem durchschnittlichen Mastbetrieb mit 30 000 Puten und drei Mastzyklen im Jahr 9000 tote Tiere.

Trotz der öffentlich starken Kritik an der Putenmast möchte Sylvia Heesen gemeinsam mit den Landwirten etwas verändern: „Wir haben in Deutschland die höchsten Standards weltweit. Nur ein paar Kilometer weiter auf der niederländischen Seite sind die Bestimmung schon deutlich lockerer. Wenn die Putenmast hier nicht mehr wirtschaftlich ist, dann kommt das Fleisch künftig aus Osteuropa.“ Und da seien die Bedingungen für die Tiere noch viel schlechter, da es für Puten leider bisher keine Tierschutzvorgaben auf europäischer Ebene gibt.