Die Geschichte der Juden in Kalkar

Gebäude Albert Spanier Monrestraße 1. Das Geschäftshaus der Familie Spanier, die in der Monrestraße Kleidung verkaufte, bevor sie nach Holland floh, wo sie von den Deutschen interniert und gen Osten deportiert und allesamt in Minsk und Auschwitz ermordet wurde.
Gebäude Albert Spanier Monrestraße 1. Das Geschäftshaus der Familie Spanier, die in der Monrestraße Kleidung verkaufte, bevor sie nach Holland floh, wo sie von den Deutschen interniert und gen Osten deportiert und allesamt in Minsk und Auschwitz ermordet wurde.
Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
Dr. Günther Bergmann hat die Geschichte der Juden in Kalkar erforscht. Bei den „Nachbarn ohne Grenzen“ berichtete er, wie er auf das Thema aufmerksam wurde

Kalkar..  Dem Thema „Juden in Kalkar“ begegnete Günther Bergmann eher zufällig. Als 1989 Überlebende des Holocaust zu einem Besuch nach Kalkar kamen, holte man ihn als Übersetzer. Dabei lernte er Werner Cohen kennen, einen Kalkarer Juden, der rechtzeitig nach Buenos Aires ausgewandert war. Der bot ihm an, bei ihm zu wohnen, wenn er mal nach Argentinien käme. Das kam Bergmann wie gerufen, denn er wollte über Deutschstämmige in Südamerika promovieren, ein Aufenthalt in Argentinien stand daher ohnehin auf seinem Programm.

Das Thema ließ ihn nicht los

Bei seinen Gesprächen mit Cohen in Buenos Aires merkte er dann, dass der Mann immer wieder auf die Geschichte seiner Kalkarer Heimat zu sprechen kam. Bergmann nahm auf Band auf, was Cohen erzählte. „Ich habe vielleicht fünfzehn Bänder für meine Promotion aufgenommen, dazu dreizehn Bänder mit Werner Cohen.“ Das Thema ließ ihn nicht los, so dass er in Kalkar weiterforschte. Daraus entstand 1999 gemeinsam mit Dan Bondy und Aubrey Pomerance ein Buch über die Juden in Kalkar. Viele Dokumente und Hinweise erreichten ihn aber noch danach noch, aus Südafrika beispielsweise oder aus Yad Vashem.

In seinem Vortrag beim Verein „Buren zonder Grenzen - Nachbarn ohne Grenzen“ im Klever Kolpinghaus zeigte der CDU-Landtagsabgeordnete, wie integriert die Kalkarer Juden in den kleinstädtischen Alltag der Weimarer Republik waren. Der jüdische Metzger und ein christlicher teilten sich das Schlachthaus, die Geschäfte jüdischer Familien erfreuten sich großer Beliebtheit, Juden waren Mitglieder in zahlreichen Vereinen. Vier Kalkarer Soldaten jüdischen Glaubens fielen im Ersten Weltkrieg.

Groß war die jüdische Gemeinde in Kalkar nicht. 1933 lebten dort noch 65 Juden. Bis Kriegsende starben neun eines natürlichen Todes, 38 kamen in Ghettos oder Vernichtungslagern ums Leben. Dreizehn wanderten aus - nach Israel, Südafrika, Amerika oder England. Vier überlebten versteckt in den Niederlanden, eine einzige überlebte das KZ Bergen-Belsen.

Erschreckend waren Bergmanns Schilderungen des alltäglichen Antisemitismus in Kalkar. 1932 schon verprügelte ein rechtsradikaler Kalkarer einen Juden, im Karneval während der Nazizeit waren extra große „Judennasen“ ein beliebter Kostümbestandteil. Ein jüdischer Torwart wurde vom Platz genommen, weil der Ersatztorwart Mitglied der NSDAP war. Und noch 1966 schändeten Unbekannte den jüdischen Friedhof in Kalkar. Ein dunkles Kapitel sind auch die erzwungenen Immobilienverkäufe.

Vom ohnehin viel zu niedrigen Verkaufspreis der jüdischen Schule wurden zynischerweise auch noch Abbruchkosten für die Synagoge, Brandwachen und Verköstigung der Feuerwehrleute abgezogen - wohlgemerkt hatten Nationalsozialisten die Synagoge in der Reichspogromnacht angezündet, die Feuerwehr durfte nicht eingreifen.

5000 jüdische Kinder deportiert

Die Täter fielen nicht vom Himmel, sondern spielten zum Teil auch nach dem Krieg noch eine Rolle. Bergmann benannte etwa Gustav Adolf Steengracht, der als NSDAP-Staatssekretär dafür gesorgt hatte, dass 5000 jüdische Kinder aus Budapest in Vernichtungslager deportiert wurden. Nach einer fünfjährigen Inhaftierung, so ist zu lesen, arbeitete er als Rechtsanwalt in Kleve.