Der Standortübungsplatz Materborn ist Naturerbe

Ein Blick wie im Mittelgebirge: der Standortübungsplatz im Klever Ortsteil Materborn.
Ein Blick wie im Mittelgebirge: der Standortübungsplatz im Klever Ortsteil Materborn.
Foto: Astrid Hoyer-Holderberg
Was wir bereits wissen
Der Standortübungsplatz in Materborn ist seit kurzem Bestandteil des nationalen Naturerbes Deutschlands. Behutsame Pflege erhält das Kleinod

Materborn..  Kurz nach Sonnenaufgang ist es sehr still auf dem ausgedienten Standortübungsplatz Materborn. Kein Verkehrslärm ist zu hören. Nur die Geräusche aus der Natur machen die Stille hörbar. Eine Singdrossel aus dem nahen Wald ist zu hören und eine Heckenbraunelle singt ihr einförmiges Liedchen. Tau liegt auf den verdorrten Gräsern in der offenen Fläche, die sich über den sanft abfallenden Hügel erstreckt. Es ist windstill und eine ruhige Stimmung bestimmt das Bild.

Eine offene Wiesenfläche, durchzogen von unbefestigten Feldwegen, umsäumt von Waldrand, Gehölzinseln und Hecken, ein Obstbaumbestand. Ein früher, eiliger Hundehalter nimmt einen kurzen Weg, bevor weitere das Feld erschließen, denen etwas später die ersten Jogger oder kleinere Zusammenschlüsse von Walkerinnen folgen. Deren charakteristisches Stockgeknirsche auf den Feldwegen wird bald von den lauteren Unterhaltungen übertönt.

Mittlerweile tönen die Buchfinkenschläge aus dem Kiefernforst, an den Waldrändern zeigen die Baumpieper ihre Singflüge und an den nur noch feuchten Tümpeln im Osten erklingen die Reviergesänge von Fitis und Dorngrasmücke. Ein Grünfrosch behauptet quakend seinen Revieranspruch an einer der wenigen verbliebenen Pfützen zwischen Rohrkolben und Binsen.

Mittlerweile schwitzen kleinere Gruppen von Bikern über die Feldwege, rufen sich Warnungen zu, wenn der Weg von Spaziergängern blockiert ist. Eine Familie macht einen Ausflug. Ein schönes Plätzchen in der Sonne ist schnell gefunden. Auf einer Decke wird ein Picknick ausgebreitet. Es gibt Kekse, Kaffee, Saft und Plätzen. Und die Kinder tollen mit dem Hund auf der Wiese. Man hat das Gefühl, einen Blick in ein fernes Jahrhundert zu werfen, als zwei Reiter des Weges kommen. Die Kinder hören auf zu spielen und winken.

Der Rundblick erfasst eine mit vielfarbigem grün und gelb gefärbte Landschaft, deren Begrenztheit sich dem Betrachter nicht erschließt. Es erwacht die Illusion des Ausschnitts einer Mittelgebirgslandschaft. Ein bisschen Urlaub in der Nachbarschaft. Keine Straße, keine Häuser oder Türme - nicht einmal Windräder sind zu sehen. Beschaulich und schön, eine Einladung einfach zu genießen. Das Gefühl des Glücks wird durch die jubilierenden Rufe der hoch über der Fläche dahinschießenden Mauersegler ausgerufen. Es ist schön, dass es so ist.

Seit Kurzem ist der Standortübungsplatz Bestandteil des Nationalen Naturerbes Deutschlands und damit als Ort der Erholung und Erbauung für Mensch und Natur gesichert. Und es ist gut so. Es ist gut, dass hier nicht etwa exklusive Wohnräume für Besserverdiener geschaffen werden oder in Heissa-Touristik mit Riesenrad und Rummsassa investiert wird. Ein guter Beschluss, alles so zu lassen, wie es ist.

Jetzt also Natur Natur sein lassen? Wie in einem Nationalpark? Das ist für das kleine, ehemalige Bundeswehrgelände wohl keine Option. Sehr schnell wären die offenen Wiesenflächen, Tümpel und Wege mit Hochstauden und später mit Weiden, Birken oder anderen Pioniergehölzen bewachsen. Gestrüpp, aus dem sich später Wald entwickeln würde. Solches Nichtstun kann durchaus seine Berechtigung haben, aber hier? Dem alten Übungsplatz tut ein bisschen Pflege durchaus gut. Die Wiesen müssen gemäht oder vielleicht von Schafen beweidet werden, sonst würden sie verbuschen und verschwinden. Bei den Gehölzbeständen lohnt vielleicht auch noch einmal ein kritischer Blick in die Bestände. Vielleicht können ja zu Gunsten weiterer Wiesen und Säume noch ein paar monotone Fichten zurückgenommen werden, ehe man dem heimischen Laubmischwald hier freie Entfaltung lässt.

Gegen Abend macht ein Liebespaar noch einen romantischen Spaziergang. Eine ältere Dame grüßt milde lächelnd aus dem Rollstuhl. Ich freu mich. Doch, es ist schön, wenn es so bleibt.