Der Rembrandt von Kleve

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Was wir bereits wissen
Govert Flinck war vor 400 Jahren in Amsterdam berühmt. In Kleve ist er heute fast vergessen. Dabei spielte er in der höchsten künstlerischen Liga

Kleve..  Wie das so ist, wenn der Vater als Textilkaufmann arbeitet und der Sohn ihm eröffnet: „Ich möchte Künstler werden!“ Familienstreit im Hause Flinck, in Kleve vor rund vier Jahrhunderten. „Warum gehst du nicht zu Onkel Werner in die Werkstatt? Der gibt dir ne Festanstellung, wenn du ihn darum bittest“, sangen vor wenigen Jahren „Die Ärzte“. So ähnlich dürfte der Dialog in der Wohnstube in Kleve im 17. Jahrhundert abgelaufen sein. Theunis Flinck entschied, dass Sohn Govert sich in einem Seidengeschäft zu verdingen habe.

Zum Glück setzte sich Rentmeister Flinck nicht dauerhaft durch mit seinem Ansinnen, den Sohn auf „seriöse“ Bahnen zu lenken. Und so kommt es, dass Kleve heute einen berühmten Sohn hat, den in Kleve aber kaum einer kennt. Allerdings war er zu seiner Zeit in Amsterdam einer der gefragtesten Künstler überhaupt. Flinck hatte bei Rembrandt gelernt und spielte zu seinen Lebzeiten in einer Liga mit ihm. Dass Rembrandt heute weltberühmt ist, Flinck hingegen fast vergessen, zeigt auch exemplarisch, dass es mitunter vom Zufall abhängt, ob ein Künstler als Genie gilt oder nur als Zeitgenosse eines Genies.

In seiner Heimatstadt immerhin wird Flinck zu seinen 400. Geburtstag, der bereits am 25. Januar war, mit einer großen Ausstellung im Museum Kurhaus gewürdigt. „Govert Flinck – Reflecting History“ heißt die von Valentina Vlasic zusammengestellte Werkschau, die vom 2. Oktober an zu sehen sein wird.

Dass Govert Flinck dem Seidengeschäft den Rücken zukehren und sich der Malerei widmen konnte, ist dem Maler und Prediger Lambert Jakobsz aus Leeuwaarden zu verdanken, der die Eltern davon überzeugte, dass man zugleich Maler und fromm sein könne. Im Alter von 14 Jahren wurde Flinck Jakobsz’ Schüler in Nordholland, nach Abschluss der Lehre zog er nach Amsterdam, wo er in der Werkstatt von Rembrandt unterkam.

Im Alter von 23 Jahren trat er in der Stadt erstmals als eigenständiger Meister auf; vom Jahr 1638 an lassen sich von ihm unterzeichnete Bilder finden. Amsterdam war damals die Weltstadt überhaupt, der Überseehandel sorgte für unermesslichen Reichtum, und dieses Geld wurde gerne in Kunst investiert. Flinck malte die Größen der Amsterdamer Gesellschaft, zu Lebzeiten übertraf sein Ruhm den von Rembrandt bei weitem. Später konnte er es sich leisten, Porträtanfragen an Kollegen weiter zu vermitteln – er wollte sich voll und ganz der „großen“ Malerei widmen. Der Rat von Amsterdam hatte gerade acht Gemälde bei ihm bestellt, als Flinck am 2. Februar 1660 im Alter von nur 45 Jahren plötzlich starb. Danach bekam Rembrandt, gewissermaßen als zweite Wahl, den Auftrag, eines der Bilder zu malen.

Der große niederländische Dichter Joost van den Vondel verfasste für den verstorbenen Künstler eine Trauerinschrift, in der es voller Pathos heißt, Flincks unsterblicher Geist mit gekröntem Pinsel zeuge davon, wie die Natur den Maler fürchte. Er hinterließ einen Sohn Nicolaas Antoni, der sich ebenfalls der Kunst verschrieb und bei Rembrandt in die Lehre ging, bevor er später ein angesehener Kunstsammler wurde.