Der gegen den Strom schwamm

Karl Leisner ging in Kleve zur Schule.
Karl Leisner ging in Kleve zur Schule.
Foto: Archiv
Was wir bereits wissen
Im August vor 70 Jahren starb Karl Leisner – der einzige Mensch, der in einem Konzentrationslager die Priesterweihe empfing

Kleve..  Sein Leben blieb auf eine tragische Weise unvollendet, als der Tod am 12. August 1945 zum Schnitt ansetzte. Karl Leisner war gerade 30 Jahre alt und acht Monate zuvor zum Priester geweiht worden – als einziger Mensch, der jemals in einem Konzentrationslager die Priesterweihe empfing. Seine Mithäftlinge in Dachau hatten den Bischofsstab geschnitzt, eine Ordensfrau hatte die benötigten liturgischen Gegenstände ins Lager geschmuggelt, sodass am 17. Dezember 1944 die Zeremonie heimlich vollzogen werden konnte.

Es war die Bestimmung seines Lebens, dass Leisner Priester wurde. Und doch war die Primizfeier neun Tage nach seiner Priesterweihe die einzige Messe, die Leisner jemals halten sollte. Am 29. April 1945 befreiten amerikanische Soldaten das Lager, und sie fanden einen Karl Leisner vor, der schwer an Tuberkulose erkrankt war. Er wurde in das Tuberkulose-Sanatorium Planegg bei München eingeliefert, eine Genesung jedoch war nicht mehr vergönnt. Seine letzte Ruhestätte fand Karl Leisner in seiner niederrheinischen Heimat, in der Krypta des Xantener Doms.

So gesehen, schloss sich der Kreis eines Lebens, das wenige Kilometer von der Grabstätte entfernt in Rees begann. In der Stadt am Rhein wurde Leisner am 28. Februar 1915 als Sohn eines Gerichtssekretärs geboren. Sechs Jahre später wurde der Vater nach Kleve versetzt, so dass Leisner seine Schulzeit hier verbrachte. Er besuchte das Staatliche Gymnasium (heute: Stein-Gymnasium), wo er 1934 sein Abitur ablegte.

Wichtiger noch als die Reifeprüfung sollte sich allerdings die Bekanntschaft mit dem Religionslehrer Dr. Walter Vinnenberg erweisen. Er war nicht nur ein Musterschüler („seine Noten in Religionslehre waren stets gut und sehr gut“, so Vinnenberg), sondern ließ sich auch für die katholische Jugendbewegung begeistern. Die gemeinsame Freizeit in den Jugendgruppen faszinierte ihn, und in den Gruppen wurde auch über die Welt und Gott im besonderen diskutiert.

Rückblickend sagte der ehemalige Religionslehrer über Karl Leisner: „Sein jugendlicher Schwung zog andere mit, seine Zähigkeit half, Schwierigkeiten zu überwinden. Verzicht auf Nikotin und Alkohol, eine sehr einfache Art zu essen und zu schlafen auf unseren weiten Fußwanderungen und Beschränkung auf das Wesentliche gaben Karl die Kraft, auch gegen den Strom zu schwimmen.“

Nach dem Abitur entschied er sich, ein Studium der Theologie aufzunehmen. Das führte ihn nach Münster und nach Freiburg, wo auch die Verlockungen des anderen Geschlechts auf ihn einwirkten. Leisner rang mit sich und entschied sich für ein Leben mit Gott.

Am 25. März 1939 weihte Bischof von Galen den damals 24-jährigen Klever zum Diakon. Doch schon da trug er den Tuberkulose-Erreger in sich. Im Laufe des Jahres wurde er in ein Sanatorium im Schwarzwald eingewiesen, wo er vom gescheiterten Attentat auf Hitler erfuhr. Er kommentierte dies mit den Worten: „Schade, dass er nicht draufgegangen ist.“ Sein Zimmergenosse verriet ihn, Leisner kam ins KZ als Gefangener mit der Nummer 17520.

Das Ende der Nazi-Diktatur sollte Leisner nur um wenige Wochen überleben. Nach dem Tod von Karl Leisner schrieb Bischof Clemens August Graf von Galen am 4. September 1945 an Wilhelm Leisner: „Zum Tode Ihres lieben Sohnes, des hochwürdigen Herrn Karl Leisner, möchte ich Ihnen, Ihrer Frau und Ihren Kindern meine herzliche Teilnahme aussprechen, – oder eigentlich meinen Glückwunsch: denn ich glaube sicher, Sie haben dem Himmel einen Heiligen geschenkt!“ Am 23. Juni 1996 sprach Papst Johannes Paul II. Karl Leisner selig.