Der Brunnen-Medicus

Kleve..  „Der Brunnen-Medicus, Herr Schütte, empfing uns höflich, führte uns zu der Fontaine des Gesund-Brunnens, wünschete uns eine gesegnete Cur, und ließ einem jeden von uns, durch den Brunnen-Meister ein Glaß Wasser reichen, welches wir austrunken.“ Der Arzt, von dem hier die Rede ist, war nicht der Entdecker der Mineralquelle am Fuße des Springenberges, aber ohne sein professionelles Wirken wäre Bad Kleve vermutlich nicht entstanden. Dr. Johann Heinrich Schütte, 1694 in Soest geboren, war seit 1741 der erste Klever Brunnenarzt und sorgte nicht zuletzt durch seine Werbeschriften dafür, dass der Kurort bekannt wurde.

„Unschuldiges Freizeitvergnügen“

Sein Hauptwerk „Amusemens des Eaux de Cleve, Oder Vergnügungen und Ergötzlichkeiten bey denen Wasser zu Cleve“, aus dem das Eingangszitat stammt, veröffentlichte er 1748 anonym. So war es ihm möglich, als neutraler Beobachter zu erscheinen und seine eigenen Person gebührend hervorzuheben. Geschildert wird die Reise einer fiktiven Brunnengesellschaft aus Amsterdam. Die Vorzüge Kleves, der Verlauf der Kur und „unschuldigste“ Freizeitvergnügen werden ausführlich beschrieben:

„Die Reise nach Cleve ist sehr angenehm, nicht so ungemächlich und rauhe, als nach Aachen und Spaa; auf welchem Wege, man viele harte Stöße des Wagens auszustehen hat, daß man befürchten muß, die Glieder würden einem in Stücke zerbrechen.“ Es finde sich wohl kein Ort in Europa, „der wegen seiner angenehmen Situation berühmt ist; allwo man so viel Allees oder Spatzier-Gänge, luftige Hügel, ungemein ergötzende Aussichten, grüne Berge, schattigte Thäler, fruchtbare Korn- und Weide-Länder, in einer so wunderbaren Ordnung, beysammen antrift, als zu Cleve.“

„Die Luft ist sehr rein und gesund, weilen die Einwohner von morastigen Gründen, stehenden faulenden Wassern, und daher kommenden aufsteigenden schädlichen Dünsten, auch stinkenden Nebeln gar nichts wissen.“ Die natürliche Lage der Stadt sorge dafür, dass das Regenwasser „allen Unflath“ aus den Gassen wegspülte, wodurch Krankheiten verhindert würden.

Vor allem auf die Frauen wirke sich die Gegend positiv aus: „Das Weibes-Volk ist manierlich, mun-ter, höflich, angenehm, und guten theils schön; dabey insgemein so artig, als man es in anderen Landen antrift.“ „Die Luft, die Landes- und die Lebensart“ trügen zu einer erhöhten Fruchtbarkeit bei: „Wie ich mir habe versichern lassen, sind kaum 5 Weiber in der ganzen Stadt befindlich, die ohne Kinder leben: so gar, daß auch fremde Weiber, die sich hier niederlassen, so glücklich sind, ihren Männern Kinder zu gebähren.“ Auch sei „nach dem Gebrauch des Mineral-Wassers“ schon mancher „Brunnen-Knabe“ geboren worden.

Insgesamt wirke das Wasser bei „Scorbut, Schwindel, Haupt-Schmerzen, Mils-, Leber- und Gekröß-Verstopfung, Melancholey, Gelbsucht, Gicht und Podagra, Mutter-Beschwerden, weissen Fluß, Unfruchtbarkeit von Kälte der Gebährmutter, bleicher Farbe der Frauen-Personen, Krätze, Röthe der Augen, Blödigkeit des Gesichtes, alten Schäden und dergleichen mehr“.

Zwischen sechs und zehn Uhr morgens trafen sich die Kurgäste am Brunnen, um nach Anweisung des Brunnenarztes bis zu 18 Gläser Wasser zu trinken. Damit sie über die angeregten Gespräche, die kurzen Spaziergänge und den Klang der Kurkapelle, die Zahl der bereits getrunkenen Gläser nicht vergaßen, gab es den Brunnenzeiger, eine runde Scheibe mit Zeiger. Danach standen Besichtigungen und Ausflüge auf dem Programm, bei denen Dr. Schütte auch als Gästeführer auftrat.

Energisch setzte sich Schütte für die Verbesserung der Kureinrichtungen ein. Das Gebäude des Am-phitheaters wurde restauriert. Seine Pläne, ein großes an Schloss Sanssouci erinnerndes Brunnen-trinkhauses an Stelle des provisorischen Blockhauses zu erbauen, wurden vom preußischen Stadt aus finanziellen Gründen allerdings rigoros verkleinert.

Kein Schloss für Kleve

Auch seine Idee, zusätzlich zu den acht Fremdenzimmern im Fontänenmeisterhaus auf beiden Inseln im Moritzkanal je ein Wirts- und Badehaus zu errichten, wurde nicht realisiert. Gebaut wurde 1747 lediglich ein Wirtshaus auf der östlichen Insel.

Dr. Schütte starb 1774 in Kleve. Der von ihm begründete Kurbetrieb ging 1914 mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs unter. Ein Bild des Klever „Brunnen-Medicus“ ist bis heute nicht überliefert.