Demenzstation im St. Nikolaus-Hospital Kalkar

Demenzstation Kalkar im St. Nikolaus-Hospital: Pflegerin Elja Neifeldt mit einem Patienten
Demenzstation Kalkar im St. Nikolaus-Hospital: Pflegerin Elja Neifeldt mit einem Patienten
Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
Auf der Interdisziplinären Demenzstation im St. Nikolaus-Hospital in Kalkar steht der Mensch mit seinen individuellen Bedürfnissen im Mittelpunkt

Kalkar..  Volkstümliche Marschmusik erschallt aus den Lautsprechern, als Altenpflegerin Elja Neifeldt einen Schwung farbiger Chiffon-Tücher unter den Patienten auf der Interdisziplinären Demenzstation im St. Nikolaus-Hospital im Katholischen Karl-Leisner-Klinikum verteilt. Noch etwas ratlos über das Geschehen, doch größtenteils mit einem Lächeln im Gesicht, sitzen die Männer und Frauen im Stuhlkreis, machen Sing- und Klatschspiele und bewegen die Arme im Sitzen.

„Was ist das für eine Farbe?“ fragt Elja Neifeldt an einen Herrn gewandt und schwingt ein rotes Tuch vor seinen Augen. Dieser stutzt kurz und antwortet prompt: „Blau.“ Doch nach kurzem Innehalten fällt ihm die richtige Antwort doch noch ein. „Genau, rot wie die Liebe. Halten Sie die Liebe gut fest!“ lobt Neifeldt schmunzelnd und überreicht dem Patienten das Tuch.

Viel Empathie gefragt

Zwar ist der Irrtum des Herrn beim Erraten der richtigen Farbe ein vergleichsweise harmloser Fall, doch Pflegedienstleiterin Margit Wolhorn und ihr Team sind häufig mit der Situation konfrontiert, dass dementiell veränderte Patienten auf scheinbar verworrene Ideen kommen oder mental in längst vergangenen Zeiten leben. „Viele fragen plötzlich nach ihren Eltern“, erzählt Wolhorn. „Dann ist es wichtig, sehr einfühlsam zu reagieren und den Wunsch des Patienten ernst zu nehmen.“ Man versuche dann, im Gespräch vorsichtig vom Thema abzulenken und keinesfalls den alten Menschen plump auf seinen Irrtum hinzuweisen.

Kein straffer Zeitplan

Dies ist bezeichnend für die Arbeitsweise der Demenzstation, da die Mitarbeiter unter ihrem Pflegeauftrag etwas anderes verstehen, als die Patienten „satt, sauber und warm“ zu halten. „Der Mensch steht bei uns im Mittelpunkt“ betont Stationsleiterin Anette Thiele. „So versuchen wir zunächst einmal herauszufinden, welche Gewohnheiten der Patient früher hatte und geben ihm die Möglichkeit, diese während seines Aufenthalts weitestgehend aufrechtzuerhalten.“ So gibt es keinen straffen Zeitplan, der allen aufgezwungen wird, sondern die Bewohner genießen fast alle Freiheiten, die sie in ihren eigenen vier Wänden auch hatten. Auch dürfen sie aufstehen, wann sie möchten.

Der Anspruch, den Patienten ihre alten Gewohnheiten zu lassen, kann schon mal skurrile Formen annehmen: So wurde einmal eine Patientin an die Station überwiesen, die zuvor in einer anderen Einrichtung zur Ruhe gezwungen worden war. „Das entsprach überhaupt nicht dem Wesen der Dame. Sie hat früher für eine große Familie gesorgt und war es gewohnt, den Haushalt zu schmeißen“, erzählt Thiele. So verwundert es kaum, dass die Patientin eines Tages auf der Station der Reinigungskraft den Wischmob abnahm und selbst die Räume wieder auf Hochglanz brachte – sie war es nicht anders gewohnt.

Auch die soziale Ansprache und das Leben in einer Gruppe sind wichtige Faktoren, die den Patienten Halt geben und ihre Psyche stabilisieren. Auch vor dem Hintergrund, dass die meisten Betroffenen jener Generation in Großfamilien aufgewachsen sind.

Weiterhin arbeiten Psychiater und Internisten auf der Demenzstation eng zusammen, zumal die Patienten, die hier untergebracht sind, neben ihrer Demenz auch internistisch erkrankt sind. Im Schnitt sind die dementiell veränderten Menschen bis zu vier Wochen auf der Station untergebracht; in dieser Zeit wird eine umfassende Anamnese erstellt und gemeinsam mit den Angehörigen beraten, welche Form der weiteren Betreuung für den Patienten angemessen ist. Auch werden alle Therapien von den Mitarbeitern der Demenzstation selbst durchgeführt.

Immense Belastung für Angehörige

Dessen Familie leidet unter der neuen Situation häufig am meisten, weiß Gesundheits- und Krankenpflegerin Susanna Döhring: „Die Kinder und vor allem die Ehepartner eines demenzkranken Patienten quälen sich oft mit Schuldgefühlen bei der Frage, ob sie den Menschen in einem Pflegeheim unterbringen sollen. Das langsame Abschiednehmen stellt eine immense emotionale Belastung dar.“

Um so wichtiger sei dann der Austausch mit anderen Betroffenen, um sich gegenseitig Trost zu spenden und mit Ratschlägen zur Seite zu stehen. So leitet Susanna Döhring, die auch als Pflegeberaterin tätig ist, auch einen Gesprächskreis für Angehörige, die sich jeden letzten Mittwoch des Monats von 16.30 bis 18 Uhr im St. Nikolaus-Hospital in Kalkar trifft.