Das Recht des Dünnhäutigsten

Wieviel Humor muss Religion ertragen? Das Thema interessierte einige.
Wieviel Humor muss Religion ertragen? Das Thema interessierte einige.
Foto: NRZ
Im Evangelischen Forum Aktuell ging es um die Frage, wie viel Satire Religionen vertragen

Kleve..  Eine Frau in Nonnentracht leckt einen Jesus am Kruzifix. Witzig? Böse? Treffend? Verletzend? Ein Mann steckt einem orientalisch anmutenden Terroristen einen Zeichenstift in die Maschinenpistole, während ein kleines Hündchen dem Attentäter auf die Schuhe pinkelt. Eine gute Idee für einen Rosenmontagswagen – oder besser doch nicht?

„Mich stört es manchmal schon, wenn so ein Dieter Nuhr richtig loslegt“, fand eine Frau beim zweiten Evangelischen Forum Aktuell im Gemeindehaus an der Versöhnungskirche. Glasklare Antworten gab es nicht bei dem nachdenklichen Gespräch über die Frage, wie viel Spott und Häme erlaubt ist. Dafür eine Menge spannender Fragen. „Wo wird eigentlich in der Bibel gelacht?“, fragte die evangelische Religionslehrerin Barbara Grepel in ihrem Einleitungsvortrag. Weitere Fragen: Wie steht es eigentlich um die Witzkultur der Muslime? Der jüdische Humor ist weltbekannt, aber machen Muslime Witze über religiöse Themen? Allgemeine Ratlosigkeit.

„Was will man eigentlich damit bezwecken, wenn man Karikaturen über Mohammed macht?“, fragte ein Mann. Aber was bezweckt Carlin Kebekus mit ihrem Nonnen-Video? Wenn es jemanden stört, kann er vor Gericht ziehen – Beleidigung ist durchaus strafbar. Andererseits gibt es die Freiheit der Kunst und damit das Recht auf Provokation. Als Richtschnur für das eigene Verhalten könnte die Goldene Regel gelten: Behandle die Menschen so, wie du von ihnen behandelt werden willst.

Aber auch das hat Grenzen. „Ein Mensch mit weitem Abstand zur Religion könnte sich verletzt fühlen, wenn er ein Kreuz in einer Todesanzeige sieht oder Glocken läuten hört“, gab Pfarrer Martin Schell zu bedenken. „Die Vorstellung, dass dadurch Leute verdummt werden, könnte ihm unerträglich sein.“ Was wäre die Folge? Glockengeläut und Kruzifixe verbieten? Dann käme es zu einem „Recht des Dünnhäutigsten“. Der würde die Grenzen ziehen. Man wird hierzulande also Verletzungen des religiösen Empfindens ertragen müssen.

Das wissen auch Muslime. Schell berichtete von einem Treffen mit dem Vorsteher der Klever Muslime. Der habe sich von den Mohammed-Karikaturen sehr verletzt gefühlt, ihm sei aber völlig klar gewesen, dass er das in Deutschland hinnehmen müsse – in einem islamischen Staat hingegen solle so etwas verfolgt werden. Auch an diesem Punkt war die Ratlosigkeit wieder mit Händen zu greifen. „Das Schlimme ist, dass jeder seine Gründe hat“, soll der Filmregisseur Jean Renoir einmal gesagt haben. Ein Konsens, mit dem alle Menschen dieser Welt gut leben können, dürfte eine große Illusion bleiben.