Das Paradies ist vergiftet

Aufstellung fürs Selfie: Dr. Harald Korth, Harald Kunde, Valentina Vlasic (v.li.) und Künstler vor der Totenkopf-Tapete von Maix Mayer.
Aufstellung fürs Selfie: Dr. Harald Korth, Harald Kunde, Valentina Vlasic (v.li.) und Künstler vor der Totenkopf-Tapete von Maix Mayer.
Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
In der aktuellen Ausstellung „Et in Arcadia Ego“ setzen sich elf zeitgenössische Künstler mit Weltchaos und Idylle auseinander

Kleve..  Et in Arcadia Ego – auch ich war in Arkadien. Mit diesem schwierigen Titel überschreibt Museum Kurhaus Kleve seine neue Ausstellung. Elf zeitgenössische Künstler zeigen darin in den kommenden Wochen ihre Skulpturen, Fotografien, Zeichnungen, Aquarelle, Installationen und Videoarbeiten im Spannungsfeld zwischen Idylle und Chaos, Vergänglichkeit, Unsterblichkeit, Verlust – und Paradies.

Arkadien wurde in der Kulturgeschichte verklärt zu einem solchen, verloren gegangenen Sehnsuchtsort, an dem die Menschen unbelastet von mühsamer Arbeit und gesellschaftlichem Anpassungsdruck in einer idyllischen Natur ein glückliches Leben lebten. Der lokale Ansatzpunkt für den Wunsch nach Unsterblichkeit ist die Grabtumba Johann Moritz von Nassau-Siegens in Berg und Tal, mit deren Bau sich der Klevische Statthalter zu verewigen gedachte. Bekanntlich ist das Grab leer, der Fürst posthum nach Siegen umgebettet.

In ihrer Kunst beschäftigen sich die Deutsche Simone Demandt und die Belgierin Ana Torfs mit Natur. Demandt fotografiert Lehrmodelle von Pflanzen, wie sie um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert am botanischen Institut von Greifswald für die Ausbildung von Studenten verwendet wurde. Überlebensgroß fotografiert sie „Tüpfel der gemeinen Kiefer“ oder das wundersam kunstvoll aussehende „Knabenkraut“ und schafft fremd wirkende Pflanzen-Skulpturen.

Wie riesige Organismen wirken die Aquarellzeichnungen der Engländerin Barbara Nichols. Eine künstlich, kitschig-absurde Plastikwelt ist Ilka Sultens Gegenentwurf zum Paradies. Ana Torfs geht in ihrer Auseinandersetzung mit dem Ursprung botanischer Namen einen spannenden Weg. Sie findet nicht nur Wissenswertes über die Entdecker und Namensgeber heraus, sie dokumentiert in ihren 50 wie Schaukästen funktionierenden Bildern hinter Glas einen ganzen Kosmos aus historischen, archäologischen und kulturhistorischen Aspekten, die sie wie in einer Enzyklopädie zusammenträgt.

Was so ruhig und idyllisch mit einer kurzen Rede des Schauspielers Lars Eidinger auf einer Bühne beginnt, versinkt in der vierteiligen Videoarbeit „My home is a dark and cloud-hung land“ von Julian Rosefeldt mehr und mehr ins Groteske und Absurde. Beinahe verstörend ist der alte Mann, der die Felsen abfegt oder eben Schauspieler Eidinger, der mit einer Motorsäge die Bühne zerlegt.

Ähnlich ergeht es dem bürgerlichen Wohnambiente von Corinna Schmitt, das nach und nach von Tieren eingenommen, zurückerobert und schließlich in einen anarchischen Naturzustand zurückgeführt wird. Geradezu kontaminiert ist Schmitts Vorstellung vom Paradies, in dem ein Mann auf einer Wiese von lauter nackten Frauen umgeben ist, zu denen er allerdings keinen Kontakt aufnehmen kann.

Leicht, fast schwerelos wirkt die große Wandelhalle des Museums mit den transparenten Skulpturen und gefalteten Objekten von Olaf Holzapfel. An den Wänden flankiert von den „tracings“ der Amerikanerin Louise Lawler, die ihre Fotografien generiert, indem sie Kunstwerke in der jeweiligen Umgebung ablichtet, in der sie hängen. In einem zweiten Schritt lässt sie aus den Fotografien großformatige Zeichnungen anfertigen. Auf die jeweilige Museumswand aufgebracht, werden sie nach Ende der Schau übermalt.

Maix Mayer setzt sich ironisch mit der Selfiemania auseinander. Auch Besucher können sich vor einer Totenkopfwand beteiligen.