Das muss man mal live erleben

Die Sängerin in wehender Plastiktüten-Verkleidungwurde umtanzt von einzelnen Einkaufstüten – eines der Highlights der Stunksitzung
Die Sängerin in wehender Plastiktüten-Verkleidungwurde umtanzt von einzelnen Einkaufstüten – eines der Highlights der Stunksitzung
Foto: Astrid Hoyer-Holderberg
Was wir bereits wissen
Vier Busse aus Kleve rollten zur Stunksitzung nach Köln. Mit und ohne Verkleidung genossen die Fans musikalisches Kabarett der Extraklasse

Kleve / Köln..  Es dauert knapp 20 Kilometer, da wird das erste Matrosenmützchen aus der Tüte gezogen. Hier und da kommen unterm Mantel dann doch Kostüme zum Vorschein. „Früher war nicht so viel Verkleidung“, stellen die Klever Fans der Kölner Stunksitzung fest, die in vier Bussen Sonntagnachmittag auf dem Weg zum politischen alternativen Karneval sind. Die alten Hasen unter ihnen sind in Zivil, haben aber das Wichtigste bei sich: Sekt, Chips. Da ist Düsseldorfer Senf auf Frikadellen vom Niederrhein auf dem Weg nach Köln.

Silke Vennemann aus Osnabrück (Improvisationstheater „Springmaus“) staunt mit großen Augen, als dann die gut gelaunte Ladung aus vier Bussen auf die Eingangstür des E-Werks in Köln zuschiebt. „Wouw, gehören die alle zu Brunos Fanmeile?“ Das hat sich rumgesprochen: An einem der stets ausverkauften 50 (!) Sitzungsabende der Kölner Stunksitzung ist ein Teil des Saales in Klever Hand. Bruno Schmitz, Kopf des Klever Cinque-Kulturvereins, des Kulturbüros Niederrhein und Aktiver auf der Stunker-Bühne, organisiert immer ein Kartenkontingent. „Als ich sieben Jahre in Köln gearbeitet habe, ist es mir nie gelungen, Karten für die Stunksitzung zu bekommen“, erinnert sich Willi Röth. Seit er vor elf Jahren nach Kleve wechselte, klappt’s. „Die Klever wissen oft nicht, was sie haben“.

Die angereiste Truppe ist überwiegend im Alter „50+“ und „60+“, aber es wachsen auch Jüngere nach. Zum Beispiel die Clique rund um Matthias Raith, der auffallend als Küchenschabe verkleidet ist. „Ich habe das oft im Fernsehen gesehen, ich musste es jetzt mal live erleben“. Yvonne Schürmann ist fasziniert vom Kölner Show-Kabarett: „Die bleiben immer politisch aktuell, das ist beeindruckend“.

Und wenn es mal Rückblicke gibt, dann lachen sich eben die Älteren unter den Tisch, etwa beim „Internationalen Frühschoppen mit Werner Höfer“, bei dem Gott, Allah und der „Allwissende“ Peter Scholl-Latour – alias Bruno Schmitz – um die Wette rauchten, über Schiiten und Sunniten fachsimpelten und mit „Je suis Charlie“ eine Woge der Zustimmung im Saal auslösten.

Die Stimmung ist riesig. Tosender Applaus, Johlen, Jubeln – bei Sketchen über Flüchtlings-Aufnahme in Deutschland, die am besten im Gewerbegebiet wohnen sollen, über Lehrer-Leid, der sich mit „genetischem Sondermüll“ oberflächlicher Eltern rumquält, über Wahlkampf nach Manier einer Fußball-Moderation, effektvoller Computer-Kunst und einem unvergesslichen „Döner for one“-Silvestersketch. Witze sind einfach gut und werden professionell vorgetragen, oft gesungen, unterstützt von den großartigen Musikern der Band Köbes Underground.

Unplugged im Sommer

Zufriedene Klever – bis auf ein paar Cinque-Leute, die auf der Empore in der letzten Reihe nur ihren Platz fanden – rollen nach Ende des musikalischen Kabaretts wieder gen Heimat und planen den Besuch von „Stunksitzung unplugged“ auf der Wiese hinterm Klever Tiergarten am 23. August. Der Abend hat die Humorfähigkeit belebt. Hörbar, als alle Reisenden vor Abfahrt durchgezählt werden: „Vermisst jemand seinen Nachbarn?“ „Ja, schon, aber der ist zu Hause“.