Das Klever Original Henneke Ketz

Henneke Ketz, Zeichnung von Paul Theissen für den Heimatkalender nach einer Photographie aus den frühen 30er-Jahren.
Henneke Ketz, Zeichnung von Paul Theissen für den Heimatkalender nach einer Photographie aus den frühen 30er-Jahren.
Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
Für ein bürgerliches Leben hatte Henneke Ketz keinen Sinn: Er lungerte am Hafen rum, schnorrte auf dem Marktplatz und war allen Klevern gut bekannt

Kleve..  In unserer Reihe „Klever Köpfe“ erinnern wir an Klever, die ihre Spuren in der Stadtgeschichte hinterlassen haben. Dazu gehören auch Menschen jenseits des bürgerlichen Lebens. Man begegnete ihnen am Bahnhof, auf den Märkten und an bekannten Ecken wie unten an der Marktstraße, später am Kaufhof, weswegen man sie auch gern mal als „Kaufhofvorstand“ bezeichnete. Sie hatten viel Zeit und taten niemandem etwas. Eines dieser Klever Originale war Henneke Ketz, dessen Familienname eigentlich Görtz war. Über die Namen seiner Eltern existieren so unterschiedliche Angaben, dass hier nicht weiter darauf eingegangen werden soll. Seine Mutter war ohnehin nur als „Katje Kuckuck“ bekannt. Henneke Ketz wurde im Juli 1871 in Kleve geboren und starb im Januar 1945 in einem Arbeitslager in Brauweiler, wo u.a. ehemalige Strafgefangene und Alkoholiker - als „asozial“ abgestempelt - untergebracht wurden und zwangsweise in den angeschlossenen Betrieben der Anstalt arbeiten mussten.

Säcke schleppen am Hafen

Zuhause auf der Stickestraße war Henneke selten anzutreffen. Er liebte seine Freiheit, einer regelmäßigen Arbeit ging er nicht nach. Mit dem Erlernen eines Handwerks konnte er sich nach eigenen Angaben nicht aufhalten, „für ein so genanntes bürgerliches Leben hatte seine ganze Sippe durch Generationen keinen Sinn gehabt“, wie Franz Matenaar einmal schrieb. Gelegentlich schleppte er schwere Säcke aus den Schiffsrümpfen am alten Hafen, wo es noch keine Kräne gab. An Markttagen ging er oft auf den großen Markt, wo er half, die Marktstände auf- und abzubauen. Blieben Blumen übrig, durfte er sie schon mal mitnehmen.

Er brachte sie dann zu einem Metzger oder Bäcker und bedankte sich damit für manches Stück Brot oder Wurst, das man ihm zugesteckt hatte. Einmal brachte er Blumen zu Trienes (Feinkost, später Weinhandlung auf der Großen Straße) und gratulierte der Inhaberin zum Geburtstag. Dieser war zwar schon ein Weilchen her, Henneke bekam trotzdem einen Schnaps. Anschließend verschwand er mit dem Strauß und brachte ihn zurück ins Blumengeschäft, wo er ihn sich kurz ausgeliehen hatte. Gelegentlich brauchte er eine Auszeit, dann wanderte er los, in den Wald oder zu Höfen in der näheren Umgebung. Weil er dabei nicht immer nüchtern war, wurde er öfters aufgegriffen und zum Weezer Petrusheim gebracht, wo er im Garten half. Wenn man seine Aufenthalte dort zusammenrechnet, hat er insgesamt etwa sechs Jahre dort verbracht.

Henneke Ketz hatte als Soldat im Ersten Weltkrieg gedient und war als erster Klever mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden. Er behauptete selbst, Unteroffizier gewesen zu sein. So kam es nach einem Besuch in einer „Stehbierhalle“ vor, dass er sich selbst Befehle gab und im Stechschritt zackig bis zur nächsten Station marschierte.

Seine Mutter Katje Kuckuck wurde 1845-50 geboren und starb 1929.Ihr Spitzname wird unterschiedlich erklärt. Angeblich habe sie mehrfach scheu um die Ecke gelugt, nach den Soldaten der 56er-Kaserne an der Rahmstraße, so dass diese belustigt riefen: „Katje, kuckuck!“ Das Scheue scheint aber so gar nicht zu ihr gepasst haben, so dass es wohl eher stimmt, sie habe den Ruf des Kuckucks täuschend echt nachahmen können. Wenn sie an der Kaserne entlang lief, hätten ihr die Soldaten „Katje, kuckuck!“ zugerufen.

Katje lief fast täglich mit ihrem großen, alten Kinderwagen durch die Straßen und verkaufte allerhand Trödel, den sie meist auf der Straße gefunden hatte, aber auch Kinderkleidung, die sie zuvor erbettelt hatte. Außerdem bekam man bei ihr Ledertücher der Sämischlederwerke, Schuhwichse und Schneidebrettchen.Wenn man ihr nichts abkaufen wollte, konnte Katje zur Furie werden und fürchterlich schimpfen. Das eingenommene Geld reichte noch für manchen Schnaps, der ihr lieber gewesen sein soll als Brot. Ihre temperamentvolle Art hat sie nicht auf ihren Sohn vererbt, der eher gemütlich durchs Leben ging, gern ein Blümchen ins Knopfloch seiner Jacke steckte und stets gute Laune hatte. Er wartete gelassen ab, was jeder neue Tag für ihn zu bieten hatte.

Bonbons bei Telle Kätze

Möglicherweise ist auch „Telle Kätz“ mit der Familie verwandt. Sie wohnte Anfang des 20. Jahrhunderts an der Rahmstraße gegenüber der alten Kaserne. Der Raum ihres kleinen Häuschens diente gleichzeitig als Wohn-, Schlaf- und Verkaufsstätte. Dort gab es Pfennigartikel wie Lakritz, Bonbons und Wundertüten, aber auch getrocknete Schollen und Pitjes. Die Schüler versorgten sich auf dem Weg zur Schule gern mit Süßigkeiten, jedoch war morgens vor acht Uhr wohl nicht die richtige Zeit für Telle Kätz. Sie lag noch im Bett und überwachte von da aus, dass die Schüler auch ein paar Pfennige zahlten.

Die Klever Originale aus der Vorkriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit waren in der Schwanenstadt beliebt, man schmunzelte über sie. So gern gesehen wie früher wären sie heute wahrscheinlich nicht mehr.