„Das Herz wird nicht dement“

Mühle Keeken, Pflege Demenzkranke. vl.l. Heinz-Josef keller, Annette Zöllner, Siglinde Wolters, Dr. Barbara Hendricks, Jessika Niemetz, Nicole Klösters-Kolk, Uta Keller
Mühle Keeken, Pflege Demenzkranke. vl.l. Heinz-Josef keller, Annette Zöllner, Siglinde Wolters, Dr. Barbara Hendricks, Jessika Niemetz, Nicole Klösters-Kolk, Uta Keller
Foto: Astrid Hoyer-Holderberg
Betreiber: Meinung der Angehörigen soll mit in die Beurteilung von Altenheimen fließen

Kleve..  Die Mühle ist rund. Das hat Vorteile. Mit den Fenstern nach außen wohnen 24 Demenzkranke in Einbett- und Zweibettzimmern. In der Mitte treffen sie sich täglich. Gemeinsam am Tisch schnippeln sie gestern Obstsalat, als Dr. Barbara Hendricks, Ministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit zu Besuch kommt. Viele Alten- und Pflegeheime im Kreis Kleve hat sie von innen gesehen – „und doch immer nur von außen. Es fällt auf, dass alle sehr unterschiedlich arbeiten“, sagt Hendricks.

Und doch wurden alle Einrichtungen von den Krankenkassen mit Noten zwischen 1,0 und 1,4 im bundesdeutschen Ranking bedacht. „Das ist doch nicht richtig. Die Benotung soll durch eine Bewertung ersetzt werden“ stimmt Hendricks den Änderungsplänen ihres Kollegen Karl-Josef Laumann (Beauftragter der Bundesregierung für Patientenbelange und Pflege) zu. „Es kann nicht sein, dass eine gute Küche die schlechte Pflege ausgleicht“, meint sie generell.

Doch Altenheim-Betreiberpaar Keller stolz sein auf die Note 1,0, die alle ihre Einrichtungen im Kreis Kleve erhielten. „Die Meinung von jeweils fünf Verwandten müssten noch mit ins Urteil einfließen“, plädiert Heinz-Josef Keller für Offenheit.

Die Gefühlswelt der Bewohner steht im Zentrum der Arbeit in der Mühle Keeken, die ausschließlich Schwerst-Demente bewohnen. „Das Herz wird nicht dement“, sagt Hausleiterin Siglinde Wolters.

Nicht Minuten abrechnen

Barbara Hendricks fragte kenntnisreich zum Umgang mit aggressiven, traumatisierten Patient/innen – aus Kriegszeiten oder Vergewaltigungsopfer – deren Leid im Alter an die Oberfläche komme. Wolters nickte: Das mache eine minutenweise Abrechnung der Pflegetätigkeiten eben unmöglich, wenn eine Frau niemanden an sich heran lassen möchte.

Hendricks’ Mitgefühl galt auch den Pflegekräften, die Nähe zulassen müssten. Wolters ergänzte: „und sich mit Ekel, Kratzen, Beißen, Schlagen“. Dennoch sind die Pflegekräfte dem Haus treu. Etwa die stellvertretende Hausleiterin Jessika Niemetz. Die Keekenerin machte als 15-Jährige hier ihr Praktikum und danach ihre Ausbildung. Fortbildungen behandeln auch Stressbewältigung, erklärt Leiterin der drei Keller-Einrichtungen, Nicole Klösters-Kolk. Dem Personal steht in der Spitze des Mühlenturms ein Zimmer zur Verfügung, um mal ein paar Minuten abzuschalten.

„Die Selbstbestimmung der Bewohner steht im Vordergrund“, sagt Siglinde Wolters. Deshalb ist die Biografie der alten Menschen so wichtig, die man in intensiven Gesprächen mit den Angehörigen ermittelt. Wolters nennt den Fall der Schneiderin, die man z.B. über Schnittmusterbögen vergeblich aus ihrer Versunkenheit zu holen versuchte – das Lieblingslied, das sie mit ihrem verstorbenen Mann verband, aber brachte den emotionalen Durchbruch. „Sie leben in anderen Welten, meist in ihrer Jugend“.

Alle Bewohner können sich frei bewegen, auch außerhalb des schönen Gartens. Ein Signal-Chip im Schuh sorgt dafür, dass Personal sie auf ihrem spontanen Weg begleitet.

Viele Bewohner haben Angst, allein im Zimmer zu leben. Deshalb, erklärt Betreiber Keller, wird die Heimaufsicht wohl zulassen, Ein- und Zweibettzimmer in Mühle Keeken und Haus Horst Kalkar gemeinsam zu berechnen, wenn 2018 die neue Vorschrift über 80 Prozent Einbettzimmer je Altenheim greift.