„Das Herz muss dabei sein“

Wolfgang Krebs sammelt seit Jahren alles Wissenswerte über die Geschichte der Klever Juden.
Wolfgang Krebs sammelt seit Jahren alles Wissenswerte über die Geschichte der Klever Juden.
Foto: NRZ
Wolfgang Krebs sammelt seit 23 Jahren Nachlässe jüdischen Lebens in Kleve:„Ich möchte diese Zeugnisse retten.“

Kleve..  Wolfgang Krebs hütet seinen Schatz in kleinen Dosen und großen Ordnern. Er sitzt auf seinem Sofa und hat nur einen bescheidenen Teil seiner enormen Sammlung vor sich ausgebreitet: „Ursprünglich wollte ich das alles gar nicht“, erzählt der 81-Jährige. Und doch besitzt er heute die größte Sammlung jüdischer Nachlässe in Kleve. Seit 23 Jahren sammelt der ehemalige Beigeordnete der Stadt Kleve alles Wissenswerte über die Geschichte der Klever Juden – und hat in dieser langen Zeit viele wertvolle Gegenstände zusammengetragen und noch wertvollere Freundschaften über eines der dunkelsten Kapitel der Klever Geschichte schließen können.

Wolfgang Krebs hat mit seiner Sammelleidenschaft 1991 begonnen. Damals habe die Stadt eine Ausstellung über die jüdische Historie zum Jubiläum zusammenstellen wollen. „Und ich sollte mich darum kümmern.“ Nach anfänglichem Zögern und der Unterstützung von Werner Steinecke habe er sich doch an die Arbeit gemacht: „Das Wissen über die Geschichte der Klever Juden war gleich null“, erzählt Krebs. Bis in die 70er Jahre habe man über dieses Thema in der Kreisstadt geschwiegen. „Alles, was mit Juden zu tun hatte, war weg. Das hat mich gelockt, besonders, als ich gesehen habe, dass die Klever Juden eine besondere Gruppe waren und für die lokale Geschichte eine wichtige Rolle gespielt haben.“

Zehn Jahre später

Es sei Propst Viktor Roeloffs gewesen, der Ende 1971 die ersten Predigten über dieses Thema gehalten habe und ein Bußgebet auf dem jüdischen Friedhof sprach. „Aber es hat noch zehn weitere Jahre gedauert, bis die ersten Artikel im Heimatkalender erschienen“, sagt Krebs.

Seine Sammlung über die Juden in Kleve ist einzigartig. Der 81-Jährige knüpfte Kontakte zu ehemaligen jüdischen Bewohnern von Kleve und deren Nachfahren. „Sie alle haben sich immer bei mir gemeldet“, erzählt Krebs. Viele haben bei ihm übernachtet, lange Gespräche geführt und Dinge preis gegeben, die nur Augenzeugen berichten können. „Doch diese Menschen wird es bald nicht mehr geben“, sagt Krebs. Daher ist es ihm auch so wichtig, seine Sammlung, die mit unendlich vielen Dokumenten und Aufzeichnungen versehen ist, in gesicherte Hände zu übergeben.

Wolfgang Krebs teilt seine Sammlung in „echte Klever Judaika“ und in eine „analoge Sammlung“. Krebs hat sie mit vergleichbaren Unterlagen aufgefüllt – mit Schulbüchern oder Lehrplänen. Das Herz der Sammlung bilde sein „Zettelkasten“. Er bezeichnet damit 30 große Ordner und unzählige Mappen, mit Schriftstücken, Briefen, Postkarten, Zeitungen und Materialen

Das Wertvollste für Krebs sind allerdings die persönlichen Gespräche: „Ich habe mit vielen Zeitzeugen gesprochen und Aufzeichnungen gemacht. Es hat sich schnell herum gesprochen, dass ich mich mit der Historie der Juden beschäftige. Und die Juden waren neugierig“, erzählt Krebs. Er ist stolz auf die Begegnungen mit der Vertretern der Familie Mandelbaum und Sucher, Paul Hirsch, Jonni Günther und Eric Mark, ein Neffe der Klever Familie Gossmann. Seine Erfahrungen hat er jüngst in einem kleinen Büchlein aufgeschrieben: Die Geschichte der Klever Juden. Krebs hält es für sehr wichtig, dass man nicht nur Fakten sammelt, sondern sie auch kommentiert. „Man darf nicht nur objektiv und trocken sein. Das Herz muss dabei sein. Denn man kann vieles nur verstehen, wenn man Stellung bezieht.“

Kunst gekauft

Peu a peu musste er im Lauf der Jahre feststellen, dass es doch noch eine Menge Informationen gibt, man muss sie nur zu finden wissen: „Um die Quellen auszuschöpfen, benötigt man Expertise, Kontaktfreudigkeit, ein wenig Glück und die Bereitschaft, auch etwas zu zahlen.“ So haben Wolfgang Krebs und seine Frau sich auch nicht davor gescheut, tief in die Tasche zu greifen, Kunst und Gegenstände zu kaufen, die wertvoll sind. Einen Teil hat er bereits an das jüdische Museum in München verkauft, vieles lagert in der Sparkasse.

Wolfgang Krebs packt ein kleines Büchlein aus, das er achtsam in Papier gewickelt hat. „Das Buch zum Glanze Isaak“ lautet der Titel des hebräischen Buches, welches 1770 in Kleve gedruckt worden ist. Das Buch habe für Juden eine große Bedeutung, wird darin doch eine Scheidung aus 1768 nach Klever Landrecht beschrieben, welches zu einer europaweiten Grundsatzdiskussion über das jüdische Scheidungsrecht führte. „Das ist für Juden ein kostbares Buch“, sagt Krebs.

In seiner Sammlung befindet sich auch eine Ausgabe des Werkes „Brief über die Juden“ des Klever Barons Anacharis Cloots aus dem Jahr 1783. „Das Buch hat er noch vor der französischen Revolution geschrieben und bereits hierin spricht er sich für eine Gleichberechtigung der Juden aus. Ich glaube, dass dies auch mit seiner Erziehung in Kleve zu tun hat“, sagt Krebs.

Denn Kleve sei im 18. Jahrhundert sehr judenfreundlich gewesen. Das lasse sich durch viele Zeugnisse belegen. Sehr stolz ist Krebs auch auf seinen neunarmigen Chanukka-Leuchter, den David Weyl vermutlich zu seiner Hochzeit geschenkt bekommen hat. Der Chanukka-Leuchter ist das Symbol des Judentums und in jeder Familie ein Mittelpunkt der Liturgie. Den Leuchter hat Wolfgang Krebs als Dankeschön nach vielen Gesprächen mit Hans Weyl, dem Sohn des bekannten Kaufhausgründers David Weyl, erhalten. Hans Weyl hat das niederländische Konzentrationslager in Westerbork überlebt und ist Vater der heute noch in Amsterdam lebenden Eva Weyl, die regelmäßig nach Kleve kommt. Hans Weyl habe fünf, sechs Mal sehr ausführlich über seine Kindheitserinnerungen mit ihm gesprochen, berichtet Krebs. Die Bilder, die Krebs gesammelt hatte, haben bei Weyl Erinnerungen wach gerufen, die der Sammler aufgeschrieben hat.

„Ich habe eine sehr lebendige Beziehung zu diesem Thema und zu den Menschen. Das wird man künftig nicht mehr nachholen können. Die Zeitzeugen wird es schon bald nicht mehr geben und ich wollte diese Zeugnisse retten.“