Das Glück am Ende der Straße

Hendrik-Jan Janssen vor seiner Gaststätte Merlijn.
Hendrik-Jan Janssen vor seiner Gaststätte Merlijn.
Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
Der Wirt des Merlijn in Grafwegen hat mehr zu bieten als Kaffee und Tee. Zum Beispiel Weisheit

Kranenburg-Grafwegen..  Hendrik-Jan Janssen ist der Wirt des Merlijn in Grafwegen. Hört man ihm zu, wird klar: Er ist eigentlich ein Philosoph. Er ist aber auch Maler. Tiermediziner war er auch mal. Hat sogar an der Uni in Nijmegen geforscht. Und Geschichtenerzähler ist er obendrein. Man müsste also eigentlich ein Buch über ihn schreiben. Das hier ist aber nur ein Zeitungsartikel. Schade, denn man würde doch so gerne all diese messerscharfen Sätze zitieren. Zum Beispiel den, dass die Tiere keine Sprache brauchen, um sich zu verstehen. Dass die Menschen aber ganz viele Sprachen haben und sich trotzdem ständig missverstehen.

Wie auch immer: Diese Geschichte hat ihren Anfang erst ganz spät bekommen (auch so ein Janssen-Satz). Janssen wuchs in Groesbeek auf, sein Vater war Lehrer. Gleich am ersten Schultag sagte ihm die Klassenlehrerin, Kollegin des Vaters, er solle sich bloß nichts einbilden, und schlug ihm mit dem Lineal auf die Finger. Die Autorität zeigt ihre Macht. Die Menschen, Herdentiere, laufen fügsam mit. Kriege, sagt Janssen, entstehen genau so. Weil keiner sich traut, eine abweichende Meinung zu äußern.

Janssen, Jahrgang 1951, wollte Maler werden, musste aber etwas Vernünftiges lernen. Später erfuhr er, dass seine Eltern selber künstlerisch begabt waren, das aber nicht ausleben durften. Er wurde Tiermediziner, und als das Höfesterben begann, die industrielle Landwirtschaft modern wurde und der Tierarzt zum Akkord-Schweine-Impfer mutierte, missfiel ihm der Beruf.

Whiskey und Pistole

Da traf es sich gut, dass ihn die Uni Nijmegen holte. „Ich fühlte mich geehrt und machte alles mit“, sagt er. „Man denkt, man macht etwas Gutes, auch wenn einem einiges merkwürdig vorkommt.“ Zum Beispiel, wie viel Geld die Pharmaindustrie in so manche Forschung steckt. Kann die Forschung dann noch neutral sein?

„Man sieht keine Nuancen“, sagt Janssen. 1987 hörte er auf, das Leid der Tiere wollte er nicht mehr ertragen. Obwohl es auf der anderen Seite, wie er gerne zugibt, auch viel Nützliches für den Menschen bewirkt hat.

Er kaufte sich einen alten Bauernhof in Grafwegen. Alle seine Freunde hatten Bauernhöfe, man schien sie haben zu müssen, um glücklich zu sein. „Dabei liegt das Glück in einem selber“, weiß er heute. Als der Bauernhof fertig war, ging das erste Pferd ein. „Keiner meiner Freunde hat von so etwas gesprochen“, erinnert er sich. Ihm wurde klar: Der Weg war schöner als das Ziel.

An dieser Stelle muss man die Geschichte vom Bordell in Duisburg einflechten. Denn der Hof gehörte zuvor einer betagten Bordellbesitzerin. Die verwies den unbedarften Kaufinteressenten an ihren Verwalter in Duisburg. Der hatte keine Zeit und sagte ihm, er solle schon mal anfangen zu renovieren, den Kaufvertrag würden sie irgendwann später machen. „Ich habe nicht eine Sekunde geglaubt, da könne etwas schiefgehen“, sagt Janssen – und fing an. Es ging auch nichts schief. Irgendwann rief der Verwalter an, dass er Geld brauche. Man traf sich vor dem Gang zum Notar im Domizil des Verwalters – die Flasche Whisky griffbereit, ebenso die Pistole. Der Hauskauf ging dann aber ganz normal vonstatten.

Schließlich verkaufte Janssen seinen Hof, zog wieder nach Groesbeek. Als er dann mit Freunden im Merlijn war, überredete ihn die frühere Besitzerin, die Kneipe zu kaufen. „Ich habe mich drei Wochen nicht getraut, das jemandem zu erzählen.“

Wo seine Mutter kellnerte

Doch seltsam: Der Anfang der Geschichte lag doch wieder weit zurück. Seine Mutter hatte genau hier bis 1943 gekellnert – was er erst jetzt von ihr erfuhr.

Irgendwie war er an seine Wurzeln zurückgekehrt. Um die Alkoholiker zu verscheuchen, legte er Bach-Musik auf. Inzwischen ist das Merlijn ein herrliches Künstlercafé, Kinder können die Tiere auf dem Gehöft bewundern, und wer das Glück hat, mit dem Wirt zu sprechen, dessen Schlechtwetterdepressionen verfliegen auf der Stelle.

Als es ihm einmal schlecht ging, habe er seine Augen geöffnet, sagt er: „Und ich habe gesehen, dass es so viele Sachen gibt, die mich fröhlich machen.“