Das Gleich-Gewicht halten

Beim Schulsport sind übergewichtige Kinder überfordert.
Beim Schulsport sind übergewichtige Kinder überfordert.
Foto: picture-alliance/ ZB
Was wir bereits wissen
Übergewichtige Kinder auch im Kreis Kleve kommen beim Schulsport nicht mehr mit. Lehrer und Ärzte sehen: Motorisch und in der Ausdauer hapert’s

Kreis Kleve..  Immer mehr Kinder und Jugendliche kommen beim Schulsport nicht mehr mit. Wolfgang Kluge (62) unterrichtet seit 34 Jahren Sportunterricht am Gymnasium. Am Freiherr-vom-Stein in Kleve kann er beurteilen, wie sich die Leistungen der Schüler in seinem Fach entwickelt haben. „Man hat immer noch einige, die alles können. Nur in der Summe sinkt das Niveau. Motorisch hapert es ebenso wie im Ausdauerbereich“, sagt Kluge.

Seine Beispiele: „Wenn ich 1000 Meter auf Zeit laufen lasse, da kommt die Hälfte kaum noch an. Bei Laufspielen in der Halle, pfeifen die ersten nach zwei Runden auf dem letzten Loch.“ Sportarten wie Leichtathletik oder Turnen könne man ohnehin nur eingeschränkt unterrichten, da die Voraussetzungen, komplexere Bewegungsabläufe zu lernen, nicht mehr vorhanden seien, so Kluge.

Der Klever Kinderarzt Dr. Wolfgang Brüninghaus (61) sagt: „Es gibt viele Kinder mit extremen Übergewicht“. Er behandele einen fünfjährigen Jungen, der mit seinen 1,15 Metern Größe 37,5 Kilo wiegt und einen 1,88 Meter großen 16-Jährigen, der 146 Kilo auf die Wage bringt (Bodymaßindex 41,2; normal ist etwa 25).

„Nahezu alle übergewichtigen Kinder haben Bewegungsstörungen. Falsche Ernährung in Kombination mit Bewegungsmangel sind dafür verantwortlich. Wenn sich Kinder stundenlang mit technischen Geräten beschäftigen, so ist das eine Entwicklung, vor der wir Kinderärzte oft hilflos dastehen“, sagt der Mediziner. Es brauche mehr Sport-Spiel-Angebote ohne Leistungsdruck.

Franz van Beek, Schulleiter der Gustav-Adolf-Hauptschule in Goch, beobachtet, dass die Bereitschaft, sich im Sportunterricht anzustrengen, abnimmt. Sport habe immer etwas mit Training, Wiederholung und Anstrengung zu tun. „Die Schüler probieren aber lieber öfter etwas Neues aus, wechseln in kürzeren Abständen die Sportarten.“ Das sei ein grundsätzliches Problem, findet Franz van Beek.

Monika Rosenbaum, seit 1977 Sportlehrerein an der Gustav-Adolf-Hauptschule beobachtete seit etwa zehn Jahren, dass Kids ab der fünften Klasse oft einfache motorische Voraussetzungen nicht mehr mitbringen. Zuhause würden sie nicht gefördert. Ihre Kritik an Ärzten: „Viele Kinder werden oft für Wochen und Monate wegen kleinster Wehwehchen von der Bewegung ausgeschlossen“ und krank geschrieben, sagt Monika Rosenbaum. „Man muss die Schüler fast schon von den Stühlen in der Mensa runterschubsen, damit sie sich bewegen.“

Lutz Stermann, Vorsitzender des Kreissportbundes Kleve bekräftigt: „Wir brauchen neue Ansätze für einen qualifizierten Schulunterricht“. 14 Prozent der Schüler seien krankhaft übergewichtig. „Viele können nicht einmal mehr einen Purzelbaum und haben schon Probleme, das Gleichgewicht zu halten.“ Zudem fielen – entgegen der Behauptungen einiger Politiker – eine Vielzahl an Schul-Sportstunden aus. Und dass Schüler nach immer mehr Stress in der Schule abends keine Lust auf Vereinssport haben, wundert Stermann nicht. „Die Jugend ist überfordert, wir müssen ihr wieder Freiräume schaffen.“