Das Denken lehren

Claus Hösen vor seinem Gymnasium in Kleve.
Claus Hösen vor seinem Gymnasium in Kleve.
Foto: Astrid Hoyer-Holderberg
Was wir bereits wissen
Claus Hösen, Direktor des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums Kleve, nimmt am Mittwoch Abschied:„Es wäre schön, wenn neben Ausbildung auch Bildung ist“

Kleve..  „Wir haben die Aufgabe, Menschen das Denken zu lehren“. Das hat sich Claus Hösen vorgenommen. Gewisse Erfolge resümiert er nach 15 Jahren am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium Kleve. Der Direktor geht. Mitten in den Ferien endet offiziell sein Arbeitsvertrag, ist die Altersteilzeit erreicht. Bevor der 63-Jährige mehr Zeit in Frankreich verbringt oder in seiner Großstadt-Oase in der Heimatstadt Köln, plauderte er mit der NRZ über Lernen und Leben.

Natürlich muss eine vom Staat bezahlte Schule Kinder befähigen, dass sie in der Gesellschaft bestehen, sinniert er. Und natürlich weiß man, dass die Wirtschaftsorganisation OECD darüber entscheidet, wie Bildung gemessen wird, „wenn man sie überhaupt messen kann“. Und doch wünscht sich Claus Hösen: „Es wäre schön, wenn neben Ausbildung auch Bildung ist“. Darin sieht er in der breiten Gesamt- und Sekundarschullandschaft die Unersetzbarkeit von Gymnasien. Synonym mag das Fach Latein stehen. „Das Schöne daran ist die mangelnde Lebensnähe“, lächelt Hösen. Es ist nicht wirtschaftlich verwendbar und inhaltlich auch nicht durch das Fach Geschichte zu ersetzen. Aber es regt das Denken an.

Kenntnis und Charakter

Bildung ist das Bildungsziel. „Aus dem Menschen das zu machen, was er sein kann“, strebt Hösen an. Nach Wilhelm von Humboldt den Menschen zum Weltenbürger zu machen, Können, Kenntnisse und Charaktereigenschaften wie Toleranz zu fördern, Angst vor Fremdem zu nehmen. Mit Freiherr vom Steins Auftrag, aus „Untertanen Bürger zu machen“.

Die heute am meisten beachteten Fächer der Naturwissenschaften und Sprachen seien nur die Instrumente, die Techniken, ist Hösens These: „Aber was tue ich damit?“, verweist er auf Philosophie, Pädagogik und Religion. Da würden die Möglichkeiten, die ein Mensch hat, abgewogen. Da werde der Schüler entscheidungsfähig gemacht.

Auch in acht Jahren Gymnasialzeit. Das Turbo-Abi, das kein Schulleiter gewollt habe, das aus Sorge um die Konkurrenzfähigkeit auf dem internationalen Arbeitsmarkt entsprang, habe sich nun etabliert, der Lehrplan sei angepasst, „für 98 Prozent der Schüler kein Problem“. Der Direktor hält das aktuelle Abitur nicht generell für „weich gespült“, wie es Kritiker aus dem Philologenverband neulich äußerten. Hösen meint aber, dass Ausschläge nach oben und unten schwieriger erfolgen als früher. Es ergebe weniger Defizite, wenn man über zwei Jahre Punkte für seine Noten ansammele und zentrale Aufgaben vorgelegt bekomme, die schließlich alle lösen können sollen. Aber es wüchsen auch seltener hervorragende Leistungen heraus. Ein Drittel der Schulabgänger habe schon früh eine Vorstellung, welche Ausbildung, welches Studienfach es wählen wolle, ein Drittel wisse allenfalls eine grobe Richtung, ein Drittel lässt sich Zeit mit der Richtungsentscheidung, z.B. durch ein freiwilliges soziales oder ökologisches Jahr. „Denn ein erheblicher Teil der Abiturienten ist noch nicht volljährig“. Tatsächlich ist der Best-of-Abiturient am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium, der in diesem Jahr 884 von 900 möglichen Punkten erreichte, gerade 17 Jahre alt geworden.

Claus Hösen ist optimistisch, dass aus den Gymnasiasten noch einmal gesellschaftskritische und politisch denkende Menschen werden, auch wenn deren Anteil offensichtlich aktuell gering ausfällt. „Bei 50 Prozent Wahlbeteiligung stimmt etwas mit dem Demokratieverständnis nicht“, bedauert der CDU-Ratsherr aus Kranenburg.

Erziehung braucht Ruhe

Lehren ist ein Unternehmen mit Langzeitwirkung, „hoffentlich nachhaltig. Erziehung braucht Ruhe, das Erziehungssystem auch.“ Weil das Gymnasium das Abitur zum Ziel hat, sei dort eine Inklusion nur bedingt möglich, die nötige Begabung müsse da sein, sagt der Schulleiter. Wenn ein Kind etwa bei Sprachen versage, sei es Job des Kollegiums, zu deuten, ob es sich „um einen Kollateralschaden der Pubertät“ handele oder das Kind besser zur Realschule wechsele, meint der Leiter des vom-Stein. „Wir brauchen nicht 80 Prozent Abiturienten in der Gesellschaft.“ Wenn man die Leistungsfähigkeit des Landes an der Quote der Hochschulreife messe, „haben wir nichts verstanden“.

Wie leicht fiel ihm seinerzeit seine Entscheidung, Lehrer zu werden? Nicht auf Anhieb jedenfalls. Erst war Jura im Gespräch, Mathematik wäre auch möglich gewesen, Maschinenbau hat ihn interessiert. Es wurden dann doch Germanistik; Pädagogik und Theologie – auf Lehramt. Der Kölner, mitten aus der Stadt, ging nach Bensberg, Dormagen, der Liebe wegen an den Niederrhein, blieb hier mit der Familie. Aber in all den Jahren tankte er immer Großstadtluft in Köln am Wochenende. Bald hat er Zeit zum Fahrradfahren, zum Lesen, das Efeu überm Schuppen zu schneiden und sich am 69er Deutz-Trecker und Güldner-Traktor von 1955 zu freuen. „Ich weiß, welche Dinge mir fehlen werden: der Kontakt zu vielen Menschen, die Gespräche mit dem Kollegium“, sagt Claus Hösen.

Am nächsten Mittwoch nimmt die Stadt offiziell von dem langjährigen Direktor des Traditions-Gymnasiums an der Römerstraße Abschied. Dann muss er den Schüsselbund abgeben, den mit dem Generalschlüssel, den vielen Schrankschlüsseln und den für den Tresor, in dem einmal im Jahr die Abituraufgaben liegen. Die Trillerpfeife am Bund hat er nie benutzt. Nur das Lederband vom Schlüsselring wird der Kölner wohl behalten. Es trägt eine philosophische Inschrift: „et kütt wie et kütt“.