Botaniker mit Weltruf

Das Wohnhaus von Justus Karl Haßkarl an der Lindenallee.
Das Wohnhaus von Justus Karl Haßkarl an der Lindenallee.
Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
Justus Karl Haßkarl brachte unter großer Gefahr Heilpflanzen gegen Malaria aus Peru nach Java. Fast 40 Jahre lebte er in Kleve und widmete sich der Wissenschaft

Kleve..  „Ein alter weißbärtiger Herr mit blauer Brille, der sich viel in der freien Luft und in den parkartigen Waldungen der Clever Umgebung bewegte, freundlich und sehr beliebt“, so schilderten alte Klever Dr. Justus Karl Haßkarl (1811-1894), der fast vierzig Jahre bis zu seinem Tod 1894 in Kleve gelebt hat. Der Privatgelehrte wohnte in einem Haus an der Ecke Lindenallee/Hoffmannallee, welches heutige Klever noch als Zigarettenladen des Walter Kowal in Erinnerung haben. Seine erste Lebenshälfte jedoch verlief alles andere als ruhig und ist von einer Dramatik, dass man einen Abenteuerfilm darüber drehen könnte.

Studien auf Java

In Kassel geboren, verbrachte er seine Kindheit in Bonn. Nach Lehre und Gehilfenzeit in den Botanischen Gärten von Bonn-Poppelsdorf und Düsseldorf – wo er von Maximilian F. Weyhe gefördert wurde – begann er ab 1834 naturhistorische Studien in Bonn und reiste 1837 auf die indonesische Insel Java, damals in niederländischer Hand. Er wurde im Botanischen Garten in Bogor (niederländisch: Buitenzorg) angestellt, der heute weltberühmt ist.

Haßkarl unternahm viele Ausflüge und Reisen in das Innere des Landes, die Zahl von 800 hier kultivierten Pflanzenarten brachte er auf 3000, einige davon hatte er selbst entdeckt und als erster beschrieben. 1842 heiratete er in Bogor die aus den Niederlanden stammende Philippine J.F. Medenbach, die jedoch im Jahr darauf verstarb. Haßkarl ging zurück nach Europa, auch weil ihm das Tropenklima nicht behagte. Er wurde Mitglied verschiedener wissenschaftlicher Gesellschaften, fand jedoch keine adäquate Stelle.

Einige Zeit später heiratete er Julie Auguste Schaeffer und bekam mit ihr vier Töchter. 1852 wurde er von der niederländischen Regierung nach Peru entsandt, um hier einen sehr speziellen Auftrag auszuführen: Nur in Peru wuchs der Chinarindenbaum (Chinchona), dessen Ausfuhr bei Todesstrafe verboten war. Aus der auch als Fieberbaum bekannten Pflanze ließ sich Chinin herstellen, das damals einzige Heilmittel gegen die gefürchtete Malaria. In Peru war man sich der Bedeutung der Pflanze bewusst und verkaufte sie massenhaft zu hohen Preisen. Eine Wiederaufforstung unterblieb jedoch, das Ende des Fieberbaumes war absehbar.

Daher bekam Haßkarl den Auftrag des niederländischen Kolonialamtes, lebende Pflanzen aus Peru nach Java zu bringen, wo ein geeignetes Klima für den Anbau herrschte. Er nahm diese gefährliche Mission an und sagte auch nicht ab, als durch Indiskretionen in Peru bekannt geworden war, dass Dr. Haßkarl Pflanzen außer Landes bringen wollte.

Mutig für seine Pflanzen

Er selbst schlug vor inkognito zu reisen, als Völkerkundler Dr. Müller. Zwei Jahre lang bereiste er das Land und sammelte dabei 500 Chinarindenpflanzen. Mehrmals war er dem Verdacht ausgesetzt, er sei in Wahrheit Dr. Haßkarl und wolle Pflanzen außer Landes schmuggeln, jedoch konnte er sich jedes Mal mit großer Kaltblütigkeit und viel Glück aus diesen Situationen retten. Kurz vor der Ausreise wurde es noch einmal brenzlig, als ein englischer Konsul seine Identität offenlegte und Haßkarl zwang, die Pflanzen auf englischem Boden abzuliefern.

Zwar bestieg er mit all seinen Pflanzen ein englisches Schiff, aber nach dem ersten Zwischenhalt konnte er auf ein niederländisches Kriegsschiff Richtung Java umsteigen. Dessen Kapitän verzögerte die Reise aber unnötig, so dass bei der Ankunft auf Java nur noch 75 Pflanzen brauchbar waren. Haßkarl hatte aber auch Samen der Chinarinde mitgebracht, der Anbau gelang und seine Kulturen dehnten sich in den nächsten Jahren über ganz Indonesien und Westafrika aus.

Haßkarl galt nun als Retter im Kampf gegen die Malaria. Den Erfolg seiner lebensgefährlichen Mission konnte er jedoch nicht auskosten, denn kurz nach seiner Ankunft in Java hatte er seine Ehefrau mit den vier Kindern zu sich holen wollen. Seine Frau und die Töchter brachen am 4.12.1854 mit dem Fregattenschiff Hendrika von Holland aus auf, allerdings ging das Schiff kurz nach der Ausfahrt vor der niederländischen Küste unter. 1856 kehrte er zunächst nach Den Haag zurück und ließ seine Frau für tot erklären.

1857 heiratete er die Schwester seiner ersten Frau, Jeanne F. Medenbach, das Paar lebte auf Wunsch der Frau in Kleve, wo Haßkarl in erster Linie seine Studien weiterbetrieb, jedoch auch am gesellschaftlichen Leben teilnahm.

Er wurde 1864 in die „Kommission zur Sammlung von Altertümern“ berufen, die Vereinigung, die als erster Vorläufer des heutigen Klevischen Vereins für Kultur und Geschichte gilt. Zu den Persönlichkeiten, die diese Sammlung aufbauen sollten, zählten auch Gustav von Velsen und Dr. Robert Scholten.

Engagiert für die Kirche

„Der Rentner Dr. J. K. Haßkarl, Botaniker von Weltruf“, schaltete sich 1879 auch in die Überlegungen zur Errichtung des Lohengrindenkmals ein. Er wollte das Denkmal nicht auf dem Kleinen Markt sehen, sondern in der Mitte der Kreuzung Hagsche Straße/Lindenallee. Mal abgesehen davon, dass er von seinem Wohnhaus einen unverstellbaren Blick auf das Monument gehabt hätte, führte er zur Begründung an, dass man das auf dem Kleinen Markt befindliche Johann Sigismund-Denkmal doch nicht einfach versetzen könne und der Lohengrin den „vielen Fremden besser als an irgend einem anderen Ort ins Auge“ falle. Er engagierte sich auch in der evangelischen Gemeinde, wo er außerordentlich beliebt war. Mit 82 Jahren starb er an einer Brustentzündung und wurde auf dem Alten Friedhof beigesetzt.