Blümchen an der Windschutzscheibe

Oldtimer-Militärfahrzeuge auf zwei und vier Rädern und die Kapelle kamen zwischen Kalkar und Rees übern Rhein. Zuschauer warteten am Straßenrand.Foto:DIANA ROOS
Oldtimer-Militärfahrzeuge auf zwei und vier Rädern und die Kapelle kamen zwischen Kalkar und Rees übern Rhein. Zuschauer warteten am Straßenrand.Foto:DIANA ROOS
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Was wir bereits wissen
120 Militärfahrzeuge mit niederländischen und deutschen Fahrern rollten über die Grenze. Es ging um Andacht am Ehrenfriedhof und um Oldtimer-Technik

Kreis Kleve..  Der neunjährige Eric ist dabei. Am Militärjeep seines Vaters lehnt er und liest im Heft „Die 100 gefährlichsten Kreaturen der Welt“. Der Mensch ist nicht darin. Aber an dessen Gefährlichkeit erinnern hier die Mitglieder des niederländischen Vereins “Keep them Rolling“ – lass sie fahren, die Militärfahrzeuge. Das setzen die Mitglieder gestern auf deutscher Seite fort und rollten mit 120 Jeeps und Dodges und GMC-Lastwagen über die Grenze, erst zur würdigen Gedenkfeier auf dem Ehrenfriedhof mit Dudelsack und Trompeten, dann über Kessel, Bedburg-Hau, Kalkar, nach Rees zu 400 Portionen Erbsensuppe. Die meisten Veteranen und jüngeren Aktiven rollten in den alten Gefährten über die Rheinbrücke. Im modernen Reisebus kam die Kapelle, spielte unermüdlich in Kleve und Rees im Regen. Man wartete auf die Amphibienfahrzeuge, die durch den Rhein kämen, doch sie legten in Rees gar nicht an. Ein Dudelsack spielte an Bord, ein Kranz wurde ins Wasser geworfen, dann schipperte das Militär flussab nach Lobith. Der Konvoi an Land wurde begleitet von 25 deutschen Polizeibeamten und niederländischen Kollegen, zählt Ingo Schankweiler auf. „Erstaunlich, wie die instand gehalten sind“, zeigt der Einsatzleiter auf die Kolonne der Wagen.

Das lässt sich gestern live erleben. Als einer eine Panne hat, kommen gleich Kollegen gelaufen mit Ersatzteilen, mit Werkzeug. Warum auch Deutsche bei den Niederländern Mitglied werden und mehrfach im Jahr in ihre Militärfahrzeuge steigen? „Es ist ein Sammeln, eine Leidenschaft“, erklärt Ingrid Wigger aus Kamen.

„Wir haben viele Anlässe für Gedenken und für Ausfahrten“, weil ab September 1944 Dorf um Dorf befreit wurde, sagt der Niederländer Remy van Deursen an seinem amerikanischen Jeep von 1942, „Santa Fe Scouts“ steht dran.

Viele der Fahrzeuge, sie sich an der Grunewaldstraße aufreihen, tragen die „H“-Kennzeichen für historische Fahrzeuge. Plastikblümchen schmücken manche Windschutzscheibe. „Don’t sit under the apple tree with anyone else but me ... till I go marching home“ klingt jazzig-fröhlich der 1942-Song aus einem Jeep. Wie, Autoradio? Der Besitzer lacht und zeigt seinen Walkman, der einen Lautsprecher speist. Das hat was von Ausflug, Oldtimerfahrt.

Zwei Nordic-Walking-Spaziergänger mit deutlich osteuropäischem Akzent blicken zunächst skeptisch auf das Militäraufkommen. Als sie den Hintergrund erfahren, nicken sie: „Dass sie gedenken, ist schön“. Extra für den Anlass ist Ralf Benkel mit Familie und Hund in den Wald gekommen. „Es geht nicht nur um Technik, sondern um die Art, wie hier gedacht wird, derer, die ihr Leben gelassen haben, damit wir in Freiheit leben können“, sagt der Vater.

Vereinzelt an den Straßenrändern in Materborn, Kessel, Bedburg, stehen Menschen und warten, die Kamera geschultert. „Schade, dass nicht mehr teilhaben“, findet Landwirt Hubert Jansen vom Hof an der Waldstraße. Er, selbst 1943 geboren, weiß viel zu erzählen, wie seine Familie überlebte. Heute hat er einfach „das Bedürfnis, mir das anzusehen“.