Ankommen nach einem Jahr Flucht

Im Anna Stift: v.l. Norbert Pastoors, Oliver Hinnemann, Darija Jeftic.
Im Anna Stift: v.l. Norbert Pastoors, Oliver Hinnemann, Darija Jeftic.
Foto: Astrid Hoyer-Holderberg
Was wir bereits wissen
Anna-Stift gründet in Kleve Wohngruppe: Minderjährige Flüchtlinge ohne Begleitung kamen zu Fuß, mit Lastwagen und Boot bis nach Kleve. „Sie wollen Bildung“

Kreis Kleve.. Neun Jugendliche haben in der vorigen Woche in Kleve eine Wohngruppe gegründet. Sie kommen aus Guinea und Syrien, Eritrea, dem Irak, Ghana, Afghanistan und dem Senegal. Wochen, Monate, einer eineinhalb Jahre waren sie unterwegs. Zu Fuß, mit Schleusern in Lkw, auf Schiffen – und wurden dann im Zug oder Bus vom Grenzschutz aufgegriffen. Minderjährige Flüchtlinge ohne erwachsene Begleitung. Viele sind traumatisiert.

Das Anna-Stift unterhält neben dem Kinderheim in Goch elf Wohngruppen. Es ist im Auftrag des Kreises auch für sie regional zuständig. Anna-Stift-Geschäftsführer Norbert Pastoors und sein Team haben jetzt ein Wohnhaus an der Römerstraße Kleve umgebaut. Ideal und zentral. Für die „UmF-Wohngruppe“, also für unbegleitet minderjährige Flüchtlinge.

Sie sind hoch motiviert

Hier können sich die acht Jungs und ein Mädchen zum ersten Mal sicher fühlen. Zutiefst misstrauten sie jedem Erwachsenen. Vor der Polizei haben sie Angst. Aber hier lernen sie Vertrauen. Eines ist allen gemein: „Sie sind hoch motiviert. Sie wollen lernen. Sie wollen Bildung, wollen Fertigkeiten aufbauen, sind zielstrebig“, sagt Pastoors. „Ich hoffe, dass es eine Entwicklung in Deutschland gibt, wo das Potenzial in diesen Kindern gesehen wird“, sagt Römerstraßen-Teamleiterin Darija Jeftic, die sich beruflich auch mit „Rückkehrberatung“ auskennt.

Schon zwei Tage nach Ankunft dürfen die Flüchtlinge zur Schule gehen. Eine Kooperation mit der St.-Martin-Schule Pfalzdorf besteht, es laufen Absprachen über eine Seiteneinsteigerklasse mit den Klever Sekundarschulen. Aber egal, wie klug und lernwillig die jungen Flüchtlinge dann sind – sichere Aussichten zu bleiben, haben wohl nur jene, die aus politischen oder religiösen Gründen verfolgt waren. Doch zu solchen Fragen, ob Asylantrag jetzt oder nach dem 18. Geburtstag, verweisen die St.-Anna-Leute an Flüchtlingsberatungsstellen. Im Haus an der Römerstraße bauen sie inhaltlich an Perspektiven, denn mit 18 müssen sie hier ausziehen.

Die jungen Leute haben jetzt schon einen prima Zusammenhalt, auch jene, deren Verwandte in der Heimat im Krieg gegeneinander stehen. Darija Jeftic – sie kam 1992 selbst mit Eltern als Bürgerkriegsflüchtling aus Bosnien – und sechs Kollegen/-innen im Schichtdienst geben dem Tag Struktur: Nach der Schule gibt es Mittagessen. Eine Hauswirtschafterin, die mehrere Sprachen versteht, kocht wochentags. „Die einfachste Kommunikation ist beim Essen am Tisch“, weiß Bereichsleiter Oliver Hinnemann. Entspannte Stimmung. Danach Hausaufgaben. Dann gerne Sport. Fußball im kleinen Gärtchen. Kontakte zu Vereinen und Jugendheimen sollen verstärkt werden. Am Wochenende wurden sie zum Schwimmen eingeladen.

„Der Kontakt untereinander klappt in vielen Sprachen, ein bisschen Französisch, Spanisch, Englisch, der kurdische Dialekt ähnelt dem aus Afghanistan“, erzählt Jeftic. Was noch verbindet: „Sie haben alle als Flüchtlinge gelebt“.

Die Eltern schickten sie in die Welt, aus den Kriegsgebieten heraus, damit sie nicht zur Waffe greifen müssen, manche wurden von terroristischen Gruppierungen bedroht, andere flüchteten vor Armut, manche heimlich vor dramatischen Zuständen in ihren Familien. Im Alter zwischen elf und 16 Jahren machen sie sich auf. Zu Fuß, versteckt im Lastwagen, mit 300 weiteren Flüchtlingen auf dem Boot nach Italien, dem Zug nach Frankreich. Sie wollten vielleicht ganz woanders hin, wenn sie dann in Emmerich den Grenzbeamten im Zug oder Bus in die Arme laufen. „Unerlaubte Einreise“.

Dann beginnt die deutsche Bürokratie. Die Jugendlichen sind zwar durch viele Länder gelaufen und haben sich in vielen Sprachen ein bisschen durchgekämpft, aber sie verstehen nicht, was man ihnen auf Deutsch über Unterschiede zwischen Jugendschutz und Asylbewerbergesetz erklärt. Ihr Misstrauen ist ausgeprägt.

Hinnemann schlägt pragmatisch vor: „Vielleicht sollten bei uns in Kleve Polizisten für sie Fahrrad-Fahrkurse geben“.